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Ein Tritt in Nazi-Hintern

Cannes. Krise, Krise, überall Krise. Auch auf das Filmfestival von Cannes warfen die Erschütterungen der Weltwirtschaft im Vorfeld einen dunklen Schatten. Nach knapp zehn Tagen Festival gibt es Grund zur Entwarnung: Bei den Filmhändlern sind die Verluste nicht so dramatisch ausgefallen, die Hotels waren ausgebucht und das Programm auf hohem Niveau Von SZ-Mitarbeiter Sascha Rettig

Cannes. Krise, Krise, überall Krise. Auch auf das Filmfestival von Cannes warfen die Erschütterungen der Weltwirtschaft im Vorfeld einen dunklen Schatten. Nach knapp zehn Tagen Festival gibt es Grund zur Entwarnung: Bei den Filmhändlern sind die Verluste nicht so dramatisch ausgefallen, die Hotels waren ausgebucht und das Programm auf hohem Niveau. Von Verwesungserscheinungen im Wettbewerb keine Spur, auch wenn es Leichtgewichte gab und einige der Etablierten unter ihren Möglichkeiten blieben.



Zwar schickte Deutschland dabei keine rein deutsche Produktion in die Konkurrenz, war aber durch Koproduktionen präsent. Der Österreicher Michael Haneke etwa stellte mit "Das weiße Band" eine Produktion vor, die mit einer hervorragenden Ensemble-Mischung aus unbekannten Gesichtern und Größen wie Ulrich Tukur und Burghart Klaußner aufwartet. Darin erzählt er mit Rätselhaftigkeit von Neid, Missbrauch und Gewalt in einem Dorf vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges und entwirft ein präzises Bild autoritärer Erziehungsmethoden.

Neben Haneke brachte auch Quentin Tarantino seine Zweiter-Weltkrieg-Nazi-Skalpierer-Rache-Story nach Cannes, die ebenfalls fast als deutscher Beitrag durchgehen könnte: "Inglourious Basterds" wurde in Deutschland gedreht. Auch die Darsteller von Daniel Brühl über August Diehl bis hin zum grandiosen Christoph Waltz als überhöflich sadistischer NS-Kommandant sind zu großen Teilen deutschsprachig. Es lag aber weniger am überwiegend hervorragenden Ensemble, als an der ungeschliffenen Geschwätzigkeit ausgedehnter Dialogszenen, dass sich der fieberhaft erwartete Tritt in Nazi-Hintern zunächst als durchwachsene Angelegenheit herausstellte. Dann aber kommt doch noch Bewegung in die zunächst etwas träge Angelegenheit, wenn in "Inglouriuous Basterds" die mächtigsten Nazis auf der Premiere eines Propagandafilms ausgelöscht werden und der Führer mit Blei durchsiebt wird. "Die Kraft des Kinos stürzt das Dritte Reich", sagte Tarantino euphorisiert.

Im Reich der Fantasie war auch Terry Gilliams "The Imaginarium of Doctor Parnassus" zu verorten, in dem Christopher Plummer als Dr. Parnassus einen Pakt mit dem Teufel schließt. Das Märchen ist der letzte Film mit Heath Ledger, der während der Dreharbeiten starb. Hinter dem Spiegel auf Dr. Parnassus' Wanderbühne tun sich die Imaginationen seiner Figuren auf, durch die man nach einem Festival voll Düsternis, Horror, Brutalität und Misshandlung endlich an die verspielt versponnen Qualitäten des Kinos erinnert wurde.