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Ein Sendungsbewusster soll Siemens aufrichten

München. Wenn alles läuft wie geplant, wird Josef Käser am Mittwoch zum neuen Chef des Traditionskonzerns Siemens gekürt. Josef Käser, so heißt der 56-Jährige laut Geburtsurkunde. Von SZ-MitarbeiterThomas Magenheim-Hörmann

Seit seiner Karrierestation in den USA, wo er bis 1999 vier Jahre lang für die Münchner tätig war, nennt er sich allerdings nur noch Joe Kaeser. Das klingt weltläufig, was dem Selbstbild des gebürtigen Niederbayern entspricht.

Wer seine Auftritte neben dem scheidenden Konzernchef Peter Löscher genauer verfolgte, dem wurde klar, dass sich der eloquente Finanzvorstand schon länger für den eigentlichen Siemens-Boss hält. Kaeser ist nicht nur ein Meister der Zahlen, sondern auch des Worts. Und er genießt das Rampenlicht. Als Löscher vor kurzem über sein Verhältnis zu Kaeser befragt wurde, sagte er, es passe kein Blatt zwischen sie. Man gehöre zusammen wie Licht und Schatten, ergänzte die andere Hälfte des Duos und ließ den V ergleich wirken: Er selbst als Lichtgestalt auf der einen Seite, Schattenmann Löscher auf der anderen.

An dessen Rauswurf hat sein mutmaßlicher Nachfolger fraglos großen Anteil. Wohlmeinend könnte man sagen, Kaeser habe zum Wohle von Siemens gehandelt. Der Pannenserie unter Löscher muss ein Ende gesetzt werden. Andererseits ist der Chef in spe wahrlich nicht selbstlos, sondern betont ehrgeizig und ein Machtmensch. Klingelton auf seinem Handy ist der Rolling-Stones-Song "I can't get no satisfaction". Keine Befriedigung finden zu können, ist für einen Topmanager wohl eher ein positives Merkmal.

Für Siemens ist Kaeser fraglos genau das, was das Unternehmen derzeit braucht. Der Konzern lechzt nach einer Führung, die die Genstruktur des Hauses verinnerlicht hat. Mit Löscher dagegen fremdeln die Siemensianer auch nach sechs Jahren noch. Der Österreicher musste den Augiasstall des 2006 aufgedeckten Korruptions-Skandals ausmisten, alte Seilschaften zerschlagen, ganze Führungsebenen abschaffen. Das war bitter nötig. Sympathien brachte ihm diese Radikalkur aber nicht ein. Kaeser dagegen ist ein Siemens-Eigengewächs, seit 1980 im Haus. Ehe er das Finanzressort übernahm, war er Strategie-Chef und führte davor den inzwischen verkauften Bereich Informationstechnologie, der Zentrum des Korruptions-Skandals war. Auf Kaeser abgefärbt hat der nicht. Er kennt die Verästelungen des komplexen Gemischtwarenladens, glänzt mit Detailwissen und weiß, wie Siemens tickt. Kaeser hat die Belegschaft auf seiner Seite und kann - anders als Löscher - auch emotional führen. Zugleich ist der Niederbayer seit 2006 das Aushängeschild des Konzerns an den Finanzmärkten und dort sehr geschätzt.

Vor dem Hintergrund der Serie schlechter Unternehmensnachrichten gelang Kaeser der anspruchsvolle Spagat, in der Sache distanziert zu wirken, ohne die persönliche Loyalität zu seinem Chef offen zu verletzen. Löscher und seine Anhänger mögen das als intrigant empfinden, viele andere als diplomatische Meisterleistung. Demnächst ist Kaeser jedenfalls dort, wo er offenbar nicht nur seiner eigenen Meinung nach hingehört. Dann muss er nicht mehr nur den Eindruck vermitteln, sondern auch zeigen, dass er die Macht eines Siemens-Chefs besser einsetzen kann als der gescheiterte Peter Löscher.