Ein Präsident entdeckt neue Technologien

Ein Präsident entdeckt neue Technologien

Messerundgänge sind nicht nur bei Kanzlerin Merkel beliebt. Auch US-Präsident Obama beherrscht den Spagat zwischen Small-Talk und technischer Neugier. Zu beobachten auf der Industriemesse in Hannover.

. Der Standort St. Ingbert wird für den Esslinger Industriezulieferer und Pneumatik-Spezialisten Festo "immer wichtiger". Das hob der neue Vorstandsvorsitzende des Familienunternehmens, Claus Jessen, gestern auf der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens auf der Hannover Messe hervor. St. Ingbert beheimate nicht nur das Leitwerk für pneumatische Antriebe (bei denen Luftdruck die Kräfte überträgt). Der Standort sei auch das konzernweite Festo-Kompetenzzentrum für weitere Einsatzmöglichkeiten von Polymeren (Kunststoffen) in der Fertigung. Wie beim Auto würden robuste Kunststoffe vermehrt Metall bei den Elektro- und Pneumatik-Komponenten ersetzen, erläuterte Vorstandschef Jessen.

Er erinnerte daran, dass an der Saar in die erweiterte Produktion für pneumatische Antriebe und in das Polymer-Kompetenzzentrum insgesamt 33 Millionen Euro investiert wurden. Zudem sei St. Ingbert ein wichtiger Logistik-Standort für den Konzern. Im Saarland arbeiten inzwischen - inklusive der knapp 130 Auszubildenden - mehr als 3000 Mitarbeiter bei Festo. Im Stammwerk in Esslingen sind es fast 5700 Beschäftigte, weltweit 18 700.

Im vergangenen Jahr ist Festo erneut "kräftig gewachsen", sagte Vorstandschef Jessen. Weltweit wuchs der Umsatz um acht Prozent auf 2,64 Milliarden Euro. Treiber waren Amerika (plus zwölf Prozent) sowie Deutschland und Fernost (jeweils zehn Prozent). Allerdings war das Unternehmen noch von einer stärkeren Steigerung der Umsatzerlöse ausgegangen. Die schwächere Nachfrage in China und Europa, aber auch in Brasilien "haben hierbei als Dämpfer gewirkt".

Auf der Hannover Messe zeigt Festo, welchen Beitrag man für die Digitalisierung der Industrieproduktion leisten will. Industrie 4.0 prägt die weltgrößte Industrieschau. Sie hat unter anderem zum Ziel, dass Fertigungsmaschinen direkt mit dem Produktteil, das sie herstellen sollen, über das Internet "kommunizieren" können. So wird die Herstellung kleiner Stückzahlen rentabel, da die Fertigung flexibel auf veränderte Anforderungen an das Endprodukt reagieren kann. "Mit unserer Erfahrung in der Pneumatik und im elektrischen Antrieb haben wir die optimalen Grundlagen, um für viele Branchen spezielle Lösungen anzubieten", betonte der Festo-Chef. Außerdem sollen die Produktionsprozesse besser überwacht werden können. Analyse-Geräte sollen feststellen, ob an einen Roboter ein Teil ausgetauscht werden muss. So kann man einen Ausfall in der Fertigung verhindern. Dieses Mal geht alles glatt. Knapp zwei Stunden schlendern US-Präsident Barack Obama und Kanzlerin Angela Merkel über die Hannover Messe. Anders als 2013, als fünf halbnackte Frauen mit schwarzen Lettern auf der nackten Brust auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin zustürmten. Obamas Sicherheit ist weder Zufall noch einfach: In unzähligen Stunden wurde ein Konzept für den gefährdetsten Menschen der Welt entwickelt. Scharfschützen auf Dächern, Polizisten so weit das Auge reicht und natürlich Secret-Service-Mitarbeiter mit Sonnenbrillen und Knopf im Ohr.

"Ich freue mich, dass Sie sich hier präsentieren. Wir begrüßen sie als Freunde. Freunde, die stark sind", sagt Kanzlerin Angela Merkel. Auch die messeerfahrene Kanzlerin dürfte merken, dass sich die Messe wegen Obama in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt hat.

Obama zeigt auf der Messe sein Verkaufstalent: "Buy made in America", sagt er schmunzelnd zu Beginn seines Rundgangs. Das war auch eine kleine Retourkutsche in Richtung Merkel: Die hatte sich am Sonntag zur Eröffnung der Messe für bessere Handelsmöglichkeiten deutscher Unternehmen in den USA ausgesprochen.

Beim Besuch der Messehallen soll die Mischung möglichst viele Aspekte abdecken: deutscher Mittelstand, ein bisschen Hollywood und jede Menge Innovation "Made in USA and Germany", wie Obama lobt. Der präsentiert sich als interessierter Besucher. Von der deutschen Paracycling Sportlerin Denise Schindler lässt er sich die Vorteile modernster Prothesen und die Vorteile der Trainings unter der spanischen Sonne erklären. Und Merkel will wissen, ob man mit einem präsentierten Roboterarm auch eine Zitrone auspressen kann, "wenn man die Hand verletzt hat".

In Halle 9 kommt es für den Golfer Obama zu einer Art Heimspiel. Merkel und er bekommen am Siemens-Stand ein Paar Golfschläger mit den Namen "Yes we can" und "Wir schaffen das" geschenkt. Der US-Präsident, der gerne golft, sagt: "Ich bringe Angela bei, wie man spielt." Und sie scherzt: "Oh, das wird ein langer Weg." Die gemeinsame Botschaft der beiden politischen Partner könnte an diesem Tag lauten: "Yes, we schaffen das.". Der Importdruck von Stahl nach Europa ist unverändert hoch. "In den ersten beiden Monaten diesen Jahres sind die Einfuhren in die EU um 30 Prozent gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum gestiegen", sagte der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl (WVS), Hans Jürgen Kerkhoff, gestern auf der Hannover Messe.

Hoffnungen, dass sich die Lage bei chinesischen Stahlexporten beruhigen, "haben sich nicht erfüllt". Im ersten Quartal seien diese gegenüber dem Vorjahr um acht Prozent auf ein Jahresniveau von 119 Millionen Tonnen angestiegen. In die EU hätten die Importe aus China in den ersten beiden Monaten um 23 Prozent zugelegt. Die EU-Stahlerzeugung sei im ersten Quartal hingegen um sieben Prozent gesunken. Für Deutschland erwartet die WVS 2016 eine um drei Prozent zurückgehende Rohstahl-Produktion auf 41,5 Millionen Tonnen.

Für Kerkhoff führt nur ein Rückgang der weltweiten Stahlkapazitäten zur Lösung der Krise, die unter globalen Überkapazitäten von 700 Millionen Tonnen leide. Doch selbst wenn die chinesische Regierung bis 2020 Kapazitäten von bis zu 150 Millionen Tonnen Rohstahl stilllege, "reicht das bei Weitem nicht aus, um die gewaltigen Überkapazitäten spürbar zurückzuführen".

Trotz dieser Probleme "darf sich die europäische Politik ihrer Verantwortung für die Sicherstellung fairer Wettbewerbsbedingungen nicht entziehen". Der Handel mit Emissionsrechten dürfe die einheimische Stahlindustrie nicht schwächen und ihre Innovationskraft hemmen. Auch spricht er sich dagegen aus, dass der Abbau von europäischen Stahlkapazitäten durch Subventionen "unterlaufen und verzerrt werden". Der Wettbewerb "muss unternehmens- und marktgetrieben sein".

Zum Thema:

Hintergrund Der Besuch von US-Präsident Barack Obama hat gestern Vormittag bei den Besuchern der Ausstellung für eine Menge Verdruss gesorgt. Großräumige Absperrungen und ein imposantes Polizeiaufgebot sorgten dafür, dass der Präsident unbehelligt blieb. Dafür mussten die Besucher aus aller Welt knapp zwei Stunden entweder in der Kälte oder in hoffnungslos überfüllten Messehalten ausharren. Erst danach konnten sie wie geplant ihren Geschäften nachgehen. Entsprechend verärgerte Kommentare in allen Sprachen waren von vielen Seiten zu hören. low