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Ein Jules Verne des 21. Jahrhunderts

Im Museum für Datenschutz wird man dereinst eine vergangene Welt bestaunen können, in der es eine vor Einblicken geschützte Privatsphäre gab. Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung wird dort als übermütige Karlsruher Schöpfung belächelt werden, die in eine längst verlassene Sackgasse geführt hat Von SZ-Mitarbeiter Harald Loch

Im Museum für Datenschutz wird man dereinst eine vergangene Welt bestaunen können, in der es eine vor Einblicken geschützte Privatsphäre gab. Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung wird dort als übermütige Karlsruher Schöpfung belächelt werden, die in eine längst verlassene Sackgasse geführt hat. Der Freedom of Information-Act, der einstmals Watergate ermöglicht hat, wird nicht den gläsernen Staat, sondern den gläsernen Menschen schaffen.In eine solche Welt führt uns Benjamin Stein in seinem ebenso alarmierenden wie unterhaltenden Roman "Replay". Es geht um eine längst begonnene Zukunft, in der die Verknüpfung der menschlichen Sinneswahrnehmung mit modernster Informationstechnologie gelingt. In "Replay" wird die Entwicklung dieser schönen neuen Welt durch den Software-Experten Ed Rosen deutlich. Er ist Mitentwickler und als erster Träger des "UniCom" so etwas wie die Labormaus, an der er selbst und sein Chef Matana experimentieren. Um dann gesellschaftlich durchzusetzen, dass im Verlaufe des Romans mehr als 70 Prozent der Bevölkerung des Landes - es handelt sich zweifelsfrei um die USA - mit diesem "UniCom" ausgestattet sind. Er wird implantiert und mit der Corporation, dem Monopolunternehmen Matanas, vernetzt. "Unicom" ist nicht nur ein universelles Kommunikationsmittel, sondern ermöglicht es auch, Sinneswahrnehmungen ihres Trägers aufzuzeichnen, abzurufen und sogar die von anderen zu erleben.


Benjamin Stein, selbst Informationstechnologe, dekliniert die Möglichkeiten dieses UniCom und dieser neuen Gesellschaft am Genauesten in den traumhaften Möglichkeiten erotischer und sexueller "Replays", die Ed Rosen mit seiner Geliebten Katelyn entdeckt und bis an Grenzen kultiviert, die er nicht mehr beherrscht. Das alles nimmt die literarische Gestalt einer ironischen Vision an - nicht ohne Warnfunktion, nicht ohne heimliche Sehnsucht nach der Zeit vor dieser Zukunft, vor allem aber voller Lust am gedanklichen Spiel mit vorstellbaren Möglichkeiten. Ein Jules Verne des 21. Jahrhunderts meldet sich hier zu Wort. Ihre literarische Qualität erhält diese Fiktion durch die intellektuellen Experimente, durch augenzwinkernde Anspielungen an die klassische Mythologie und durch einige grundsätzliche Gedanken zu sich selbst steuernden technischen wie gesellschaftlichen Prozessen.

Virtuos setzt Stein den von James Watt schon in die ersten Dampfmaschinen eingebauten Fliehkraftregler als Metapher für die auch in gesellschaftlichen Prozessen notwendige Regelung zur Gewährleistung konstanter Abläufe ein. Wenn er dabei kein technisches Vorwissen seiner Leser abrufen muss, so beweist dies nur einmal mehr seine sprachlichen Möglichkeiten, die der Kraft seiner utopischen Phantasien nicht nachstehen.



Benjamin Stein: Replay.

C.H. Beck, 173 Seiten, 17,95 €