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Ein Etappensieg der Vernunft

Nein, die Debatte um den Burkini ist noch nicht beendet. Das oberste Verwaltungsgericht Frankreichs hat zwar das Verbot des Ganzkörper-Badeanzugs ausgesetzt, doch es ist nur ein Etappensieg der Vernunft, den die Menschenrechtsorganisationen damit errungen haben. Die Richter haben all jene gestoppt, die den Schwimmanzug mit Salafismus gleichsetzen. Aber die hysterische Diskussion wird weitergehen - das zeigen schon die ersten Reaktionen. Christine Longin

Dabei ist der Burkini ist keine Burka. Die hat Frankreich schon 2011 verboten - zu Recht. Denn wer sich voll verschleiert, trägt nicht zu einem harmonischen Zusammenleben bei. Das befand auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte vor zwei Jahren. Doch die Straßburger Richter warnten gleichzeitig davor, Muslimas zu diskriminieren. Und genau das passiert derzeit in Frankreich. Sogar Frauen mit Kopftüchern werden inzwischen vom Strand verbannt. Purer Rassismus bricht sich hier Bahn, im Namen der Trennung von Kirche und Staat.



Der Laizismus, der seit 1905 in Frankreich gilt, ist zur Waffe gegen die fünf Millionen Muslime geworden, denen seit den Anschlägen im vergangenen Jahr mit unverhohlenem Misstrauen begegnet wird. Der Burkini-Bann ist das beste Beispiel dafür. Und in dem aufgeheizten Klima traut sich kaum jemand zu sagen, dass Frauen in langen Badeanzügen nicht gleich ein Angriff auf das französische Selbstverständnis sind.

Sicher, der Burkini ist kein Zeichen der Emanzipation. Manche Frauen haben sich nicht freiwillig dafür entschieden, sondern auf Druck ihrer Familie. Und es werden tendenziell mehr, vor allem in den Vorstädten. Mehr Kopftuch-Trägerinnen, mehr Halal-Fleischereien, mehr muslimische Gebetsstätten. Doch die klare Abgrenzung der Muslime vom Rest der Gesellschaft ist auch das Ergebnis einer misslungenen Integration. Die Nachfahren der nordafrikanischen Einwanderer sind meist Bürger zweiter Klasse geblieben. In den Chefetagen sitzen sie ebenso wenig wie in den Elite-Universitäten.

Um die Abgrenzung noch weiter zu treiben, fordern Konservative und Rechtspopulisten nun gemeinsam ein Gesetz, das den Burkini verbietet. Und wenn die Umfragen Recht behalten und die Konservativen die Präsidentschaftswahl nächstes Jahr gewinnen, dann dürfte es ein solches Verbot auch bald geben. Aber wo wird Frankreich damit landen? Wird der nächste Schritt dann das Kopftuch-Verbot auf der Straße sein, wie die Rechtspopulistin Marine Le Pen es fordert? Der Pariser Staatsrat hat einer solchen Entwicklung jetzt erst mal einen Riegel vorgeschoben. Zu Optimismus gibt es trotzdem keinen Anlass. Zwei Drittel aller Franzosen lehnen den Burkini ab. Es scheint, als sei die böse Saat von Marine Le Pen bereits aufgegangen.