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Buch über die Straßenbahn
„Geschichte ist immer sehr spannend“

1978: Die Steigung am Hüttenberg machte die Neunkircher Straßenbahn überregional bekannt.
1978: Die Steigung am Hüttenberg machte die Neunkircher Straßenbahn überregional bekannt. FOTO: Bernd Dütsch
Der Kasseler Stephan Lücke und der Neunkircher Roland Priester haben ein Buch über die Neunkircher Straßenbahn herausgebracht. Von Elke Jacobi

Wieso gerade Straßenbahn?


Roland Priester: Ich habe mich schon als kleiner Junge für Busse und Bahnen interessiert. Als Neunkircher war ich schon immer fasziniert von den Neunkircher Buslinien, die Straßenbahn habe ich ja selbst nicht mehr erlebt. Die Begeisterung ging so weit, dass ich alle Neunkircher Busse auswendig kannte mit ihren Liniennummern und der Fahrzeugwerbung. Zum Beispiel hat Wagen 115 für die ötv, die Vorgängerin der Verdi, geworben, wenn ich mich richtig erinnere (lacht). Beruflich habe ich mich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Thema Straßenbahn auseinandergesetzt, bevor ich dieses Jahr zurück ins Saarland zog. So habe ich an der TU München die Einführung einer neuen Münchner Straßenbahnlinie wissenschaftlich untersucht und in Berlin neue Straßenbahnlinien geplant.

Stephan Lücke: Auch ich interessiere mich schon seit Jahren für Straßenbahnen, auch wenn die Faszination wahrscheinlich nicht ganz so ausgeprägt ist wie bei Roland (lacht). Straßenbahnen sind meiner Meinung nach tolle Verkehrsmittel. Sie sind effizient, zuverlässig, sehen gut aus, beleben das Umfeld, in dem sie fahren, und es macht Spaß, sie zu nutzen. Beruflich komme ich übrigens aus ganz anderen Gefilden als Roland: Ich bin ursprünglich Krankenpfleger, habe dann ein Studium der Pflegewissenschaft absolviert, mich in dieser Zeit für den Fachjournalismus entschieden und bin entsprechend Fachredakteur für Pflegezeitschriften geworden. In meiner Freizeit schreibe ich über andere Themen, zum Beispiel Straßenbahnen.



Aber was hat ein Nicht-Saarländer mit der Neunkircher Straßenbahn am Hut?

Lücke: Offen gesagt: eigentlich nichts. Ohne Roland würde ich sie wahrscheinlich nicht kennen. Selbst die Stadt Neunkirchen war mir ehrlich gesagt völlig unbekannt, bevor ich Roland vor mehr als zehn Jahren kennenlernte. Ich selbst komme aus der Stadt Moers am Niederrhein. Die ist etwa doppelt so groß wie Neunkirchen, hat rund 100 000 Einwohner. Aber das ist für Städte in Nordrhein-Westfalen nicht so viel. Auch dort gab es mal eine Straßenbahn, zu deren Geschichte ich vor einem Jahr auch ein Buch geschrieben habe. Ich lebe heute in Kassel. Aber zurück zu Ihrer Frage: Die Neunkircher Straßenbahn ist seit 40 Jahren Geschichte. Sie ist ein Jahr stillgelegt worden, bevor Roland und ich zur Welt kamen. Und Geschichte, insbesondere bezogen auf eine bestimmte Region, die eine Bedeutung für einen hat, ist immer sehr spannend.

Priester: Außerdem fanden wir, dass es ein Buch mit vielen guten Fotos und gezielten Informationen geben sollte, das die Geschichte der Neunkircher Straßenbahn nachzeichnet. Es ist einfach schön, sich an vergangene Gegebenheiten in der eigenen Stadt zu erinnern. Und die Neunkircher Straßenbahn hat die Geschichte dieser Stadt zweifellos über viele Jahrzehnte geprägt – und tut es bis heute. Nicht umsonst ist die Neunkircher Straßenbahn bis heute ein gern zitiertes Kuriosum, zum Beispiel in Ihrer Zeitung.

Lücke: Die Steigung am Hüttenberg von mehr als elf Prozent war die steilste Straßenbahnstrecke in Deutschland und auch eine der steilsten in ganz Europa. Dies ist übrigens der Grund, warum es sie überhaupt bis 1978 gab. Denn in den 50er und 60er Jahren haben viele Städte in Westdeutschland ihre Straßenbahnbetriebe komplett aufgegeben. Die Neunkircher Straßenbahn war in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Die Gründe hierfür zeichnen wir in unserem Buch nach.

Wie muss man sich Ihre Zusammenarbeit vorstellen?

Lücke: Die rund 140 Fotos, die im Buch abgedruckt sind, haben wir gemeinschaftlich beschafft. Und die Texte haben wir uns aufgeteilt. So habe ich beispielsweise das erste Kapitel geschrieben und Roland hat sich schon einmal die Nachkriegszeit vorgenommen. Als das Grundgerüst stand, saßen wir viele Stunden gemeinsam an meinem großen Küchentisch und haben gemeinsam alle Texte bearbeitet, korrigiert und ergänzt. Und wir haben gemeinsam die 140 Bildunterschriften geschrieben und das Layout der einzelnen Seiten geplant. Es ist bei diesem Buch Sache der Autoren gewesen, zu entscheiden, wo welches Bild hinkommt.

Das Buch lebt ja von vielen wunderbaren Fotos. War es schwer, diese zu beschaffen?

Priester: Sagen wir so, es war nicht ganz einfach. Die Neunkircher Straßenbahn gab es 71 Jahre – von 1907 bis 1978. Während dieser Zeit ist der Betrieb durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Es war unser Wunsch und Anspruch, die gesamte Historie der Neunkircher Straßenbahn in Wort und Bild zu dokumentieren.

Lücke: Insofern war die Herausforderung, zu allen Epochen der Straßenbahn geeignetes Bildmaterial zu finden – und vor allem an die Bildrechte zu gelangen. Denn man darf ja nicht einfach ohne Erlaubnis etwas abdrucken. Bei den ganz alten Bildern aus den Anfangsjahren handelt es sich größtenteils um historische Ansichtskarten, die ich unter anderem bei Ebay erworben habe. Eine Handvoll Privatleute haben uns zudem Zugang zu ihren Fotos verschafft. Diesen Personen möchte ich noch mal ausdrücklich danken.

Priester: Die wichtigste Quelle für die Fotos war aber zweifelsohne das umfangreiche und liebevoll geführte Archiv der Neunkircher Verkehrs GmbH (NVG). Der Geschäftsführer Pascal Koch hat unser Vorhaben von Anfang an sehr unterstützt, worüber wir uns sehr gefreut haben. Er hat auch ein Vorwort beigesteuert. Dafür möchte ich ihm an dieser Stelle noch einmal danken. Ich hoffe, dass auch andere Betriebe ihre Historie so sehr in Ehren halten wie die NVG.

Was war die zeitaufwendigste Sache, bis das Buch jetzt endlich erschien?

Lücke: Ich würde sagen, am zeitaufwendigsten war es, ausreichend viele qualitativ hochwertige Fotos aus allen Zeitabschnitten zusammenzubekommen. Eine besondere Herausforderung war dabei: Wir wollten im letzten Kapitel des Buchs gerne die Strecke der letzten verbleibenden Straßenbahnlinie komplett in Fotos darstellen: vom Steinwald über die Scheib und das Stummdenkmal bis zum Hauptbahnhof und Schlachthof.

Woher haben Sie all die Geschichten? Und sind das alle oder gibt es noch mehr, die nicht mehr ins Buch gepasst haben?

Priester: Wir haben so ziemlich alles gelesen, was es über die Neunkircher Straßenbahn gibt: Bücher, Zeitungsartikeln, Broschüren usw. Selbstverständlich hätte es noch viel mehr gegeben, was wir hätten aufschreiben können. Doch wir haben die klare Entscheidung getroffen, uns nicht zu sehr in den Details zu verlieren, sondern die Geschichte der Neunkircher Straßenbahn pointiert und auf eine hoffentlich unterhaltsame Art und Weise nacherzählen. Wir wollen, dass es Spaß macht, das Buch zu lesen und die vielen Fotos zu betrachten.

Eine Frage an Herrn Lücke als Nicht-Saarländer. Kennen Sie selbst denn die Stadt? Wenn ja: Was mögen Sie daran?

Lücke: Ja, mittlerweile habe ich sie mehrfach besucht. Und ich muss ganz ehrlich sagen, dass sie mir sehr gut gefällt. Ich finde es schade, dass viele Leute die Stadt nur besuchen, um im Saarpark-Center einzukaufen. Damit tut man der Stadt unrecht. Wenn man sich die Mühe macht, mit offenen Augen durch die Stadt zu laufen, entdeckt man vieles, das interessant ist. Kürzlich lief ich mit Roland vom Stummplatz bis zum Oberen Markt. Ich fand es faszinierend, dass bis vor 40 Jahren hier eine Straßenbahn fuhr – mitten durch die Innenstadt. Rolands Familie wohnt in Furpach. Dort ist es natürlich auch sehr schön.

Haben Sie denn möglicherweise bei sich Erinnerungsstücke an die Neunkircher Straßenbahn? Es wurden ja damals beim ersten Stadtfest 1978 Schienenstücke verkauft.

Priester: 1978 habe ich noch nicht gelebt, insofern habe ich diese Gelegenheit verpasst (lacht). Im Ernst: Ich habe einige Erinnerungsstücke, zum Beispiel alte Fahrpläne und Fahrkarten sowie eine Gedenkmünze, die die Neunkircher Sparkasse zur Stilllegung der Straßenbahn geprägt hat.

Auf welchen Teil des Buches, welche Geschichte, welches Foto sind Sie ganz besonders stolz und warum?

Lücke: Das ist schwer zu sagen. Ich würde sagen, wir sind stolz und froh, dass es uns gelungen ist, die Geschichte der Neunkircher Straßenbahn in einem qualitativ sehr hochwertigen Buch mit Hardcover und guter Papierqualität nachzeichnen zu können. Hier gebührt auch dem Verlag des Buchs, dem Sutton-Verlag aus Erfurt, ein herzliches Dankeschön. Glücklicherweise ist dieser Verlag auf regionale Bildbände spezialisiert. Er war sehr interessiert daran, ein Buch über die Neunkircher Straßenbahn herauszubringen. Dieser besondere Betrieb fehlte noch in deren Repertoire.

Gibt es Lust auf mehr, mehr Neunkirchen, mehr Straßenbahn oder lieber ganz was anderes?

Priester: Wir arbeiten tatsächlich schon am nächsten Buchprojekt. Im kommenden Jahr möchten wir gerne ein Buch herausbringen über sämtliche Straßenbahnbetriebe, die es im Saarland gab. Das sind neben Neunkirchen die Betriebe in Saarbrücken, Saarlouis und Völklingen. Hinzu kommt natürlich die seit 1997 bestehende Saarbahn. Wir sind aktuell schon damit beschäftigt, an geeignetes Fotomaterial zu kommen. Insofern möchte ich Ihre Frage mit Ja beantworten: Lust auf mehr, mehr Straßenbahn, mehr Saarland.

Roland Priester und Stephan Lücke: Die Straßenbahn in Neunkirchen - Unterwegs auf Deutschlands steilster Strecke. Sutton-Verlag 2018, 128 Seiten, ca. 160 Abbildungen, Hardcover, ISBN: 9783954009893

Die Fragen stellte Elke Jacobi

Das Cover des neuen Straßenbahn-Buches.
Das Cover des neuen Straßenbahn-Buches. FOTO: Stephan Lücke
Die Autoren Roland Priester und Stephan Lücke gingen der Straßenbahn-
Geschichte in Neunkirchen auf den Grund.
Die Autoren Roland Priester und Stephan Lücke gingen der Straßenbahn- Geschichte in Neunkirchen auf den Grund.
Und weiter oben in der Hüttenbergstraße Richtung Oberer Markt.
Und weiter oben in der Hüttenbergstraße Richtung Oberer Markt. FOTO: Andreas Christopher