Ehre für einen Weltverbesserer

Ehre für einen Weltverbesserer

Saarbrücken. Wie ein König würde er sich freuen, Hermann Wedekind (1910-1998)

Saarbrücken. Wie ein König würde er sich freuen, Hermann Wedekind (1910-1998). Er, ein "Striese" - Schauspieler, Sänger, Regisseur, Theaterleiter - in einer Reihe mit Elisabeth von Lothringen, Friedrich Joachim Stengel und Karl-Friedrich Schinkel! Letztere haben bereits ihren Ehrenort, eine Gedenk-Stele, dank des "Erinnerungsorte"-Projektes der Saarländischen Gesellschaft für Kulturpolitik e.V. Die stiftet seit 2007 mit Hilfe von Sponsoren Stelen für historische Saar-Prominenz, auf dass sich die wacklige Identität des Saarlandes festige. Am Sonntag kommt in der Saarbrücker Bismarckstraße vor dem Staatstheater eine Gedenkstele für Wedekind hinzu. Dessen 100. Geburtstag am 18. November lieferte den terminlichen Anstoß. Also gibt's am Sonntag eine Matinee - samt Buchvorstellung. In "Kunst kennt keine Grenzen", herausgegeben vom Vorsitzenden der Gesellschaft für Kulturpolitik, Kurt Bohr, kommen Weggefährten Hermann Wedekinds zu Wort.

Haben Sie nur Komplimente zusammengetragen für einen, der "immer Pfau" war, so der Titel einer einstigen SR-Sendung? Geltungsdrang und Weltverbesserungs-Idealismus lagen bei Wedekind ebenso dicht an dicht wie Streitbarkeit und Herzlichkeit. Rastlos lebte er all dies aus, blieb bis ins 85. Lebensjahr Leiter der Balver Höhlenfestspiele, reiste noch 1997 nach Georgien. Der gebürtige Westfale, der bis kurz vor seinem Tod in einem Bauernhaus in Wadern lebte, war geradezu kindlich überzeugt von der Völkerverständigungs-Funktion der Kunst. Nur so erklärt sich, dass er kurz mal die ehernen Gesetze der Weltpolitik zur Seite fegte, indem er einen Gastspiel-Austausch zwischen dem Tifliser und dem Saarbrücker Haus in Gang setzte, als existierten Warschauer Pakt und Nato nicht. Daraus wuchs dann die erste deutsch-sowjetische Städtepartnerschaft der Bundesrepublik. Wedekinds begeisterungsfähiges und begeisterndes Temperament riss selbst den sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse mit. 1995, als Georgiens Präsident, machte er Wedekind zum Ersten Ehrenbürger seines Landes. Und auch im Saarland reagierte die Politik mit Umarmungen. Oskar Lafontaine zählt seit seiner Saarbrücker Bürgermeisterzeit in den 70ern zu den Wedekind-Fans. Letzterer galt als "Naturereignis", das für Gewitter, aber auch für Klarluft sorgte, als ein "Unikum an Vitalität und Spontaneität" und "praller Chef", so die Formulierung einer Laudatio zum 60. Geburtstag.

"Alle, auch ehemalige Mitarbeiter, reden nur liebevoll über ihn", sagt Intendantin Dagmar Schlingmann, Gastgeberin der Matinee. Das habe sie für Wedekind eingenommen. Zudem freut sie sich, "wenn Intendanten es schaffen, solche bedeutenden Spuren in einem Land zu hinterlassen." Kurt Bohr erwähnt zusätzlich die Spürnase Wedekinds für Musiktheater-Talente, sei es, dass sich das Engagement des Dirigenten Siegfried Köhler als Glücksgriff erwies, oder dass Wedekind Sänger-Talente wie Montserrat Caballé, Caterina Ligendza oder Grace Bumbry entdeckte. Schön, wenn das alles nicht vergessen wird.

Auf einen Blick

Matinee mit Einweihung der Stele: Sonntag, 11 Uhr, Mittelfoyer des Staatstheaters. Dort wird auch das Buch "Kunst kennt keine Grenzen. Erinnerungen an Hermann Wedekind" (Saarbrücker Verlag Saarkultur) vorgestellt, das erst in Kürze in den Handel kommt. ce

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