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Drei Bedingungen für ein Aufblühen des Iran

Berlin/Teheran. Überall im Straßenbild von Teheran und natürlich auch in den iranischen Medien ist Propaganda gegen den "großen Teufel" USA und noch mehr gegen Israel zu sehen. Aber die Menschen in den Basaren und auf den Straßen begrüßen jeden West-Besucher überschwänglich. Werner Kolhoff

Zu Hause leben viele von ihnen wie wir, Alkohol, Popmusik und modische Kleidung inklusive. Das erinnert alles sehr an die Schlussphase des Ostblock-Sozialismus: Öffentliches und privates Bewusstsein fallen erkennbar auseinander, es tobt ein teils offener, überwiegend aber verdeckter Machtkampf zwischen der Elite, die sich Ajatollahs nennt, und - zumindest in den großen Städten - einer großen Mehrheit des Volkes, die diese Elite loswerden möchte.

Zugleich ist der Iran das am weitesten entwickelte Land in der gesamten Region. Mit einem außerordentlich hohen Bildungsgrad (der Frauenanteil an den Universitäten beträgt über 60 Prozent), mit guter Infrastruktur und Wirtschaft, mit einem ausgeprägten Sozial- und Gesundheitswesen. Wenn dieses Land, statt unter der Knute der scharfen Wirtschaftssanktionen zu stehen, Investitionen anziehen dürfte - es würde ökonomisch schnell aufblühen, ja regelrecht explodieren. Und das könnte dann auch die politischen Verhältnisse zum Tanzen bringen.

Dafür gibt es freilich drei Voraussetzungen: Der Iran müsste Israels Existenz vorbehaltlos akzeptieren. Er müsste einen Modus Vivendi mit den USA finden. Und er müsste, Voraussetzung für alles andere, sein Atomprogramm so kontrollieren lassen, dass die Herstellung von Nuklearwaffen ausgeschlossen ist. An einem Abkommen darüber ist man derzeit so nah dran wie noch nie. Doch werden die Verhandlungen überlagert von der Wahl in Israel, dem nicht ausgestandenen Machtkampf in Teheran - dort geht es wohl bald um die Nachfolge von Ajatollah Chamenei - und dem Tauziehen zwischen Präsident Obama und den Republikanern im amerikanischen Kongress.

So unterschiedlich die Motive der Hardliner in Jerusalem, Teheran oder Washington sind, eins ist ihnen gemeinsam: Sie alle leben politisch von der Konfrontation. Derzeit mobilisieren die US-Republikaner alte Urteile und Vorurteile gegen Teheran , um ein Abkommen zu verhindern. Dabei scheuen sie sich auch nicht, Grenzen des politischen Anstands zu überschreiten, wie kürzlich ein Brief von 47 ihrer Abgeordneten an die Regierung in Teheran zeigte. Diese Haltung ist sehr kurzsichtig. Denn es gibt jetzt eine Chance, die vielleicht nie wieder kommt: nämlich die, diese schiitische islamische Republik herauszureißen aus einer muslimischen Welt, die sich immer mehr antiwestlich entwickelt. Beim Kampf gegen IS kooperiert der Westen ja heimlich schon mit dem Iran.

Es besteht Aussicht, jene Kräfte in Teheran zu stärken, die mehr Freiheit, mehr Wohlstand, mehr internationale Zusammenarbeit wollen. Zwar ist keineswegs sicher, dass diese positiven Folgen eintreten, gewiss ist aber: Wenn erst die Atomverhandlungen gescheitert sind, wenn aus der verbalen Konfrontation wieder die der forcierten atomaren Rüstung wird, womöglich gepfeffert mit israelischen Präventivschlägen, dann ist das Fenster für lange Zeit zu, durch das mehr Freiheit in die iranische Gesellschaft und Politik ziehen könnte. Wer hätte dann gewonnen?