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Don Carlos im Wunderland

Die Schauspieler lassen ihre Charaktere in einem Psycho-Kerker rotieren (von links): Robert Prinzler (als Marquis Posa am Boden), Georg Mitterstieler (Herzog von Alba), Cino Djavid (Don Carlos), Andreas Anke (König Philipp) und Johannes Quester (Beichtvater Domingo). Foto: Björn Hickmann
Die Schauspieler lassen ihre Charaktere in einem Psycho-Kerker rotieren (von links): Robert Prinzler (als Marquis Posa am Boden), Georg Mitterstieler (Herzog von Alba), Cino Djavid (Don Carlos), Andreas Anke (König Philipp) und Johannes Quester (Beichtvater Domingo). Foto: Björn Hickmann FOTO: Björn Hickmann
Saarbrücken. Man muss Zeit mitnehmen für diesen „Don Carlos“. Doch sie lohnt. Christoph Diem vergegenwärtigt Schiller als bildgewaltiges großes Kino. Dafür gab es am Samstag riesigen Premierenapplaus im Staatstheater. Cathrin Elss-Seringhaus

Es ist wie beim "Tatort". Bei dem ist uns die Plausibilität doch auch ziemlich wurscht. Warum an Friedrich Schiller (1759-1805) hö-here Erwartungen stellen? Regisseur Christoph Diem tut es nicht. Im Programmheft schreibt er über die "Grenzen der Nachvollziehbarkeit" und nimmt uns die Ehrfurcht vorm Schillerschen Labyrinth: Er hat es im Inquisitions-verseuchten spanischen Hofstaat Philipps II. (1527-1598) gebaut, ein kompliziertes Ding aus Vater-Sohn-Tragödie, Geschichts-Dokumentation, Eifersuchts-Krimi, Intrigantenstadl und Aufklärungs-Drama.

Der Thronfolger Carlos leidet an der Welt, denn er ist in seine Mutter und Ex-Verlobte Elisabeth verliebt, sein Jugendfreund Posa auch, aber der will die Welt retten. Für Schillers Dramaturgie gilt: Hauptsache, die Gefühle bleiben mächtig aufgepeitscht. Diesem Muster folgt auch Diem. Er legt in seiner Inszenierung nicht die Strategien der Figuren offen, mit denen sie ihre ideologischen oder libidinösen Ziele verfolgen, sondern zeigt ihre Getriebenheit plakativ vor. In diesem "Carlos" zählt nur eins: das eigene Ich. Die Charaktere rotieren in ihrem Psycho-Kerker. Selbst der Staatsmann Philipp II, den Andreas Anke kraftvoll männlich durchglüht und ihn dabei trotzdem eher grüblerisch denn dämonisch zeichnet, agiert unfrei: Jähzorn und Misstrauen beherrschen den Herrscher. Und Marquis Posa (Robert Prinzler) braucht gar keinen Spitzel- und Unterdrückerstaat, um sich im Rededuell mit Anke in einen selbstmörderischen Fanatiker Marke Al-Qaida zu verwandeln, der eine "Menschenrepublik allgemeiner Duldung und Gewissensfreiheit" erzwingen will. Nein, in Prinzlers Posa steckt ein vertrauter Sozio-Typus unserer Tage: der Narziss. Indem Posa sich für den Freund Don Carlos (Cino Djavid) opfert, beschämt er alle anderen durch seinen Ausnahme-Charakter. Unzählige weitere Überraschungs-Erkenntnisse wie diese eröffnet der über dreistündige imponierende Psycho-und Polit-Thriller Diems.

Die Regie erzeugt den frappierenden Eindruck von Gegenwart. Nicht zuletzt durch eine voluminöse, geradezu überwältigende Video-Optik und subtile Sound-Effekte zwischen Bigband-Jazz und Balladen-Melodie. Zusammen mit Ausstatter Florian Barth, der Ritterhemd und Hipster-Haartolle ganz fabelhaft verschweißt, entfacht Diem im Staatstheater ganz großes Bühnen-Kino nach dem Motto: Velázquez meets Pop. Nebelwände verwandeln gigantische Leinwand-Gesichter in Naturkulissen. Podeste fahren auf und nieder. Oder aber die riesige Spielfläche reißt bis zur Rückwand wie ein schwarzer Schlund auf, vor dem Gestalten aus einem Horrorstreifen vorbeihuschen. Philipps Beichtvater (Johannes Quester) oder Herzog Alba (Georg Mitterstieler) sind die allgegenwärtigen Gespenster: Der eine trägt das blutige Kreuz auf der nackten Brust, der andere schleppt die Wunden des Krieges mit sich herum, die er im Namen des katholischen Glaubens und seines Götzen Philipp geführt hat, um dessen Gunst er buhlt. Der sanfte Mitterstieler ist nahezu die Gegenbesetzung zum üblichen martialischen Macho-Alba wie auch die Eboli aus dem gängigen Muster fällt. Yevgenia Korolow hat nichts von Megäre oder Majestät, sondern wird als ein in Carlos blind verknallter Teenager zum Naturereignis. Korolows mädchenhaftes Ungestüm reibt sich produktiv an einer nur beherrschten Alexandra Finder. Deren Elisabeth ist früh vertrocknet, ihre Gefühle und ihre Machtambitionen hält sie luftdicht verpackt.

Es ist eine helle Freude, die man mit den Darstellern bei diesem "Don Carlos" erlebt. Vor allem mit Cino Djavid als Titelheld. Er schmollt und schmachtet, juchzt und jammert. Hier zeigt sich ein verwöhntes Kind mehr verliebt in die eigene Euphorie als in Elisabeth und mehr verblüfft denn verzweifelt ob der Zurückweisung des Vaters. Djavid, ein kindlich-temperamentvoller Charmebolzen mit expressiver Körpersprache, benimmt sich wie ein kleiner Rockstar-König. Im funkelnden Gold-Konfetti-Regen beamt Carlos sich in eine Märchenwunderwelt. Welch ein grandioses Bild, welch eine Idealbesetzung.

Diem erhellt, präzisiert und strukturiert das sprachmächtige, gefühlsvibrierende Schiller-Stück. Dabei lässt er es nicht zu einem herzlichen Händeschütteln mit dem Klassiker kommen. Vielmehr hält sich Diem auf lässiger, mitunter ironischer Distanz. Man staunt, wie sich dadurch eine leichtfüßige Wucht und Würde einstellt. Carlos, ganz nah, ganz groß.

Nächste Termine: 4.4., 9.4., 18.4., 27.4., Karten unter Telefon (06 81) 3 09 2 4 86.