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Die Unerbittlichkeit der Realität

Die Akteure von „Brennpunkt X“ auf der „Bühne“ des Vierten Pavillons. Foto: Thomas M. Jauk
Die Akteure von „Brennpunkt X“ auf der „Bühne“ des Vierten Pavillons. Foto: Thomas M. Jauk FOTO: Thomas M. Jauk
Saarbrücken. Wochenlang haben Flüchtlinge aus Syrien und Iran mit Schauspielern des Saarländischen Staatstheaters geprobt. Am Sonntag stand die Premiere des gemeinsamen Stücks „Brennpunkt X“ auf dem Programm. Sie wurde überschattet von einem tragischen Ereignis. Johannes Kloth

Der Moment, in dem die Realität unerbittlich über diesen Abend hereinbricht, kommt völlig unerwartet: Seit über einer Stunde läuft die Uraufführung von "Brennpunkt X", da wird es unruhig im Publikum: Ein Zuschauer telefoniert mit seinem Handy, seine Stimme wird lauter, die Schauspieler halten irritiert inne. Plötzlich steht der Mann auf und ruft völlig aufgelöst: "Entschuldigung, hören Sie, Assad hat mein Haus bombardiert, mein Bruder ist tot." Er läuft Richtung Ausgang, Staatstheater-Intendantin Dagmar Schlingmann eilt ihm hinterher. "Das gehört nicht zur Inszenierung", hört man jemanden sagen, dann ist es still. Beklemmung macht sich breit.

Auf der Basis von Interviews hat der Regisseur und Autor Nuran David Calis ein Dokumentationstheaterstück geschrieben, das Flüchtlingsschicksale beleuchtet. Das von Krieg und Angst erzählt, aber auch vom Leben und Überleben, das Einblick gibt in den Alltag im Flüchtlingsheim, in die Köpfe überforderter Heim-Mitarbeiter und erboster Pegida-Demonstranten. Theater kann subjektives Leid objektivierbar machen, kann Empathie und Reflexion beim Zuschauer hervorrufen, indem es eine Distanz zur Realität aufbaut, die Unerträgliches erträglich macht. Der Vorfall am Sonntag löste auch deshalb solch große Betroffenheit aus, weil dieser Schutzwall der Ästhetisierung mit einem Mal unvermittelt eingerissen wurde, uns der grausame Alltag des syrischen Bürgerkriegs - real und in Echtzeit - für einen Moment ganz nahe kam. Was blieb, waren Gefühle von Wut und Hilflosigkeit, Tränen in den Augen von Zuschauern und Akteuren (wie sich später herausstellt, kannten einige Flüchtlinge den Getöteten). Trotzdem spielten sie weiter und brachten einen - losgelöst von dem tragischen Zwischenfall - starken Theaterabend zu Ende.

Der Rohbau des Vierten Pavillons ist ein unwirtlicher Ort, zwischen den nackten Betonwänden fühlt sich niemand heimisch. Es gibt daher wohl keinen besseren Spielort, an dem Jörg Wesemüller dieses Stück rund um das "Flüchtlingslager X" hätte inszenieren können. Akten hängen von der Decke bis zum Boden, türmen sich auf Tischen der Sachbearbeiter Klaus Müller-Beck, Yevgenia Korolov und Saskia Petzold. Um sie herum sitzen und stehen die Flüchtlinge . Sie sind den ganzen Abend über präsent. Auf der Bühne oder per Video aus einem beengten Heim-Zimmer auf eine Leinwand projiziert: Sie sind da - ob es uns passt oder nicht, sie haben Namen - Amir Abedini, Erfan Abedini. Altaher Al Zoubi, Omar Al Zoubi, Mohamed Aead Alzubbey, Melek Brimo, Roula Kasem - und sie haben etwas zu erzählen: Wie es sich anfühlt, in ständiger Angst vor der Abschiebung zu leben zum Beispiel, oder wie es ist, "arbeiten zu wollen. Aber nicht arbeiten zu können". Manche Schilderung ähnelt dem, was der zehnjährigen Sueyla widerfuhr. Ihre Geschichte, erzählt von allen Akteuren, durchzieht den Abend wie ein narrativer roter Faden: Sueyla verlor ihre Kindheit. Ihr Vater wurde gefoltert, ihre Mutter vergewaltigt, die Familie floh. Doch auch in Deutschland kann sie nicht zur Ruhe kommen.

Auf der anderen Seite ist da er: Pit-Jan Lößer. Ein Biedermann im weißen Anzug, der wutbürgerlich-hysterisch über die Bühne tobt und sich in Ressentiments ergeht, mal trickreich getarnt als scheinbar humanistische Argumente, mal ganz "pur" im Hass-Jargon der NPD . Eine starke schauspielerische Leistung, ebenso wie die Darstellung der hoffnungslos überforderten Sachbearbeiter . Dem Druck von Straße, Politik und Heimbewohnern begegnen sie mit einem Schutzwall aus Zynismus und Bürokratismus, hinter dem die letzten Reste an Idealismus nur noch floskelhaft existieren. Wenn Saskia Petzold von einem "Wir-Gefühl" schwadroniert, das entstehe, wenn man den Flüchtlingen vermittle, dass man dem Gesetz ähnlich ausgeliefert sei wie die Flüchtlinge ihrem Gott; wenn Korolov das Ministerium anklagt, dass es keine Weiterbildung über die Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten anbiete; oder wenn Müller-Beck aus Überforderung mit Akten um sich wirft - dann ist das einerseits höchst komisch, andererseits ziemlich tragisch, spiegelt sich hier doch vor allem eines: Hilflosigkeit.

Mit viel Gespür gelingt Regisseur Wesemüller der Balanceakt zwischen Tiefgründigkeit und notwendiger Leichtigkeit. Auch am Schluss hätte es mit einem Tanz eigentlich lebensfroh zugehen sollen. Doch Wesemüller bricht vorher ab. Der Abend endet still, nachdenklich - und bewusst ohne Applaus. Auch wenn der freilich hochverdient gewesen wäre.

Nächste Termine: 18.-20.6. Karten: Tel. (06 81) 3 09 24 86.