| 20:29 Uhr

Syrischer Arzt schreibt in der SZ
„Die Undankbarkeit vieler Syrer ist mir peinlich“

Majd Abboud (42) lebt in
Saarbrücken.
Majd Abboud (42) lebt in Saarbrücken.
Saarbrücken . Vor drei Jahren bin ich voller Hoffnung darauf, ein friedliches Leben zu führen, nach Deutschland gekommen. Ich hatte gehört, dass Deutschland für gute Integration bekannt ist. Doch wie sieht es heute aus? Haben die Syrer es geschafft, sich zu integrieren? Von Majd Abboud

Es erfordert viel Mut, öffentlich zu sagen, dass viele Fehler in der Flüchtlingspolitik gemacht wurden. Vor allem besteht die Gefahr, mit solchen Gedanken den rechtspopulistischen Parteien Vorschub zu leisten. Dies ist ganz und gar nicht meine Absicht.


Ich habe jedoch festgestellt, dass es auch in Deutschland trotz der viel gepriesenen Meinungsfreiheit, die wir in den arabischen Ländern so vermisst haben, immer noch Tabus gibt. Ich glaube, dass sich das Land mit solchen gut gemeinten Denkverboten keinen Gefallen tut.

Zum einen wurden 2015 Initiativen wie „Refugees welcome“ von Flüchtlingen als Einladung verstanden, nach Deutschland zu kommen, weil sie dort gebraucht würden. Mit einer entsprechenden Erwartungshaltung strömten sie daher auch in dieses Land. Zum anderen führte die unüberschaubare Anzahl an Flüchtlingen dazu, dass es nicht mehr möglich war zu prüfen, wer wirklich berechtigt war, als Flüchtling anerkannt zu werden. Obwohl die Deutschen dafür bekannt sind, gut organisiert zu sein, haben die schieren Zahlen die Gesellschaft überfordert.

Trotz aller Bemühungen sahen viele Flüchtlinge ihre Erwartungen nicht erfüllt und reagierten mit Kritik und Undankbarkeit. Dies war mir immer sehr peinlich, und ich fühlte mich dauernd in Verlegenheit, mich für meine Landsleute zu entschuldigen. Deutschland reagierte darauf, indem es neue Maßnahmen ergriff, um sich den Einwanderern anzupassen und sie zufriedenzustellen. Die Tatsache, dass unter den Flüchtlingen auch viele Radikale waren, die im Krieg mitgewirkt und die Chance zur Flucht ergriffen haben, als sie sahen, dass der Kampf gegen die Regierung erfolglos war, ist nicht mehr zu vertuschen. Die deutsche Regierung hat viel zu lange nicht nur die Augen davor verschlossen, sondern stellt auch jene, die darauf hinweisen, als ausländerfeindlich dar.

Die Kooperation zwischen westlichen Regierungen und bestimmten oppositionellen Gruppierungen in Syrien ist nichts Neues und beruht auf dem Deal „Rohstoffe gegen Macht“. Sie reicht etwa zurück in die 80er Jahre, als Großbritannien die Muslimbruderschaft in Syrien unterstützt hat. Die Muslimbrüder haben viele Anschläge in Syrien verübt und wurden als Rebellen verharmlost. Bereits seit Langem besteht die Strategie der USA und ihrer Verbündeten darin, sich bei politischen Konflikten nicht selbst die Hände schmutzig zu machen, sondern oppositionelle Gruppen finanziell und durch Waffenlieferungen zu unterstützen.



Leider wurde auch in Syrien in rebellische Gruppen, und damit in den politischen Islam, investiert. Viele der heute in Deutschland lebenden Flüchtlinge stehen solchen Gruppierungen nahe und verstehen sich daher auch nicht als Gäste, sondern als Partner, die es verdient haben, bedient zu werden. Unsere Rebellen wussten, dass diejenigen, die an der Seite des Westens stehen, sich alles erlauben können.

Deshalb war auch der Integrationsprozess von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Können wir das Ruder noch herumreißen? Hierzu wäre es nötig, dass Deutschland die Radikalen unter den Flüchtlingen identifiziert – und sich klar vom politischen Islam distanziert.

Dr. Majd Abboud, ein Zahnarzt aus West-Syrien, flüchtete in einem Schlepperboot über das Mittelmeer nach Griechenland und kam 2015 ins Saarland.