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Die Suche nach dem Splitter im eigenen Auge

Berlin. Christoph Schwennicke

In den großen Debatten dieser Tage gibt es, so unterschiedlich sie sind, ein verbindendes Element. Bei Griechenland , Putin und dem Islamismus geht es schnell darum, welche Schuld bei uns liegen könnte. Selbst bei noch so klarer Lage (Griechenland hat jahrzehntelang mit seinen Finanzen geschludert, Putin hat die Krim völkerrechtswidrig annektiert, islamistische Terroristen morden im Namen einer Religion) wird der eigene Anteil an der Misere gesucht: Hat der Westen den russischen Bären nicht über Gebühr gereizt? Macht Deutschland nicht Reibach, wenn es Griechenland knechtet? Wehrt sich der Islamist nicht gegen die hegemoniale Unterdrückung des Westens?

All diese Argumente beinhalten ein Gran an Berechtigung. Nie ist eine Sache oder eine Seite allein an etwas schuld. Wechselwirkungen gibt es immer. Aber die Dimensionen stimmen nicht. Es wird der Splitter im eigenen Auge gesucht, wo der Balken im Auge des Gegenüber ist. Warum ist das so? Warum sind wir so gerne schuld?

Das Schuldgefühl, sagt das Lexikon, sei "eine normalerweise als negativ wahrgenommene soziale Emotion, welche aus der bewussten oder unbewussten Überzeugung, etwas Falsches getan zu haben, entsteht". Mögliche körperliche Reaktionen wie Erröten oder eine depressive Verstimmung seien oft vergleichbar mit den Symptomen der Scham.

Der Zweifel ist ebenfalls ein naher Verwandter des Schuldgefühls. Der Zweifel, oder: das Zweifeln wiederum ist Wesenskern unserer westlichen Kultur, komplementäres Denkmuster zum Glauben, Triebkraft aller Veränderung, Ursprung der Aufklärung, Motor des Fortschritts. Die Fähigkeit und Möglichkeit, immer alles in Frage zu stellen, nichts als gegeben zu erachten, unterscheidet eine offene, plurale Gesellschaft von einer gelenkten und unfreien. Und unter allen Zweiflern der westlichen Welt bringt es der deutsche Geist zur Meisterschaft. Der grüblerische Geist der Deutschen ist im Ausland berühmt-berüchtigt. Die Neigung, sich im Zweifel lieber etwas kleiner zu machen als zu groß, ebenso.

Zweifeln, fragen, sich selbst hinterfragen - diese westliche und zutiefst deutsche Wesensart ist also die eine Quelle des aktuellen Phänomens. Die andere ist die unauslöschliche Großschuld, die Deutschland von 1914 bis 1945 auf sich geladen hat. Schuld an zwei Kriegen, schuld an Abermillionen Toten auf Schlachtfeldern und in Konzentrationslagern. Das ist eine Schuld, die nicht vergehen wird, an der es nichts zu rütteln und zu relativieren gibt, von der die Zeit nichts abschleift. Deutschlands inzwischen guter Ruf in der Welt geht nicht zuletzt darauf zurück: dass anerkannt wird, wie dieses Land bereit ist, diese Schuld zu tragen.

In den vergangenen Wochen und Monaten ist in diesem Zusammenhang ein Kampfbegriff geprägt worden. Der "Schuldkult". Wer dieses Wort verwendet, bestätigt diese Überlegungen nicht. Er pervertiert sie. Denn diese Wortschöpfung ist der maliziöse Versuch, sich zu exkulpieren. Von aktueller Schuld, und von früherer en passant am besten gleich mit. Deshalb zur Klarstellung: Wir waren schuld. Wir sind oft schuld. Und wir werden auch weiterhin immer wieder schuld sein. Aber wir sind nicht automatisch immer in erster Linie schuld. Aktuell jedenfalls: nicht an Griechenland , nicht an der Ukrainekrise und auch nicht am islamistischen Terror. Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins "Cicero".