„Die Politik ist reflexhaft ängstlich“

1200 Spielfilme sind zwischen 1933 und 1945 in Deutschland gedreht worden – von der Komödie bis zum antisemitischen Hetzfilm. Nach dem Krieg haben die Alliierten 300 Filme verboten, heute sind noch knapp 40 Filme so genannte „Vorbehaltsfilme“: Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, der die Rechte an den meisten der Filme gehören, gibt Werke wie „Jud Süß“ und „Kolberg“ nur für Veranstaltungen mit wissenschaftlicher Begleitung frei. Was würde geschehen, wenn man die Filme einfach freigäbe? Wirkt die Propaganda heute noch? Oder ist der „Vorbehalt“ eine Art Zensur? Der Regisseur und Historiker Felix Moeller geht diesen Fragen in seiner Dokumentation „Verbotene Filme“ nach. SZ-Redakteur Tobias Kessler hat mit ihm darüber gesprochen.

 Ein Blick ins Bundesarchiv Film, Außenstelle Hoppegarten: Hier lagern fünf Tonnen NS-Filme als alte Kopien. Foto: Edition Salzgeber

Ein Blick ins Bundesarchiv Film, Außenstelle Hoppegarten: Hier lagern fünf Tonnen NS-Filme als alte Kopien. Foto: Edition Salzgeber

Foto: Edition Salzgeber

Ihr Film enthält sich einer klaren These, ob man die Vorbehaltsfilme freigeben sollte oder nicht - warum?

Moeller: Ich wollte das jedem Zuschauer selbst überlassen. Am Ende des Films sagt ja der Historiker Götz Aly, dass man alles freigeben sollte. Das ist nicht ganz meine Meinung, ich sehe es etwas differenzierter, aber ich finde seinen Anstoß gut, auch wenn das Thema sehr komplex ist.

Sie haben für Ihre Dokumentation einige wissenschaftlich-pädagogische Vorstellungen der ansonsten nicht zugänglichen Filme in Deutschland und im Ausland besucht. Waren Sie überrascht über die Reaktionen?

Moeller: Durchaus. In Deutschland flammt ja gerade wieder die Debatte um Nazi-Eltern auf, um Nazi-Großeltern und Täterkinder. Viele Zuschauer haben gesagt, dass ihnen zum ersten Mal klar wurde, welcher Propaganda ihre Vorfahren ausgesetzt waren - auch wenn das die Taten nicht in milderem Licht erscheinen lässt.

In Tel Aviv sagt ein Zuschauer, die Deutschen wären viel zu ängstlich und sollten die Filme einfach freigeben. Hat Sie das überrascht?

Moeller: Ja, aber die Israelis im eigenen Land sind selbstbewusster als etwa jüdische Gemeinden in Europa oder in der sogenannten Diaspora. In Paris waren einige jüdische Mitbürger in den Vorstellungen deutlich zurückhaltender und auch ängstlicher - dort hatte es gerade wieder antisemitische Vorfälle gegeben.

Was würde passieren, wenn ein Film wie "Jud Süß" allgemein freigegeben würde?

Moeller: Neonazis könnten ein Kino mieten, den Film dort sehen und laut Beifall klatschen. Andererseits wären diese Filme als historische Quellen leichter zugänglich, man würde das Tabu und den Mythos damit aufheben. Ich wäre aber dagegen, einen Film wie "Jud Süß" oder auch "Heimkehr" mit seiner perfiden antipolnischen Hetze an den Anfang einer Freigabe zu stellen. "Heimkehr" hat einen privaten Lizenzinhaber, der gerade versucht hat, den Film auszuwerten und ihn deshalb der Freiwilligen Selbstkontrolle vorgelegt. Die FSK hat ihn aber zurückgewiesen.

Der Untertitel Ihres Films ist "Das verdrängte Erbe des Nazi-Kinos". Wer verdrängt denn? Vielleicht die Politik, die keine Mittel für die Restaurierung zur Verfügung stellt und die Kopien langsam verfallen lässt?

Moeller: Dieses Gefühl kann man schon bekommen. So löst sich das Problem vielleicht von selbst. Die Politik ist reflexhaft ängstlich, denn mit Nazi-Themen kann man ja nur verlieren. Wenn es hieße, "Wir restaurieren jetzt NS-Filme", dann hätte das nicht zuletzt bei den ausländischen Medien keine gute Wirkung, auch wenn es um filmhistorische Zwecke geht.

Ist die Grundfrage, die Vorbehaltsfilme öffentlich zugänglich zu machen, nicht rein theoretisch? Man findet sie im Internet, "Der ewige Jude" zum Beispiel ganz leicht bei Youtube.

Moeller: Ja und nein. Die Kopien im Internet sind qualitativ unglaublich schlecht und können ihre Wirkung kaum entfalten, vieles ist nicht zu erkennen. Die Murnau-Stiftung und Youtube diskutieren darüber, wie man die Filme entfernen kann. Eine neue Scan-Software soll das besser leisten können. Insofern tut sich schon etwas.

Gibt es öffentlich zugängliche NS-Filme, bei denen Sie sich wundern, dass sie nicht unter Vorbehalt stehen?

Moeller: Sicher - bei einem Propagandafilm wie "Wunschkonzert" fragt man sich schon, wieso der frei ist, wenn auch ab 18. Es gibt auch Unterhaltungsfilme mit Heinz Rühmann, die frei ab sechs oder zwölf sind, "Quax, der Bruchpilot" oder "Die Umwege des schönen Karl": Dieser Film zeichnet ein extrem düsteres Bild der Weimarer Republik mit Inflation und Verbrechen - genau in der Nazi-Lesart. Die Murnau-Stiftung müsste die Kriterien dringend überarbeiten, ihre letzte Beratungsrunde in dieser Sache liegt 20 Jahre zurück.

Nach dem Krieg wurden aus manchen NS-Filmen Hakenkreuze und Hitler-Bilder herausgeschnitten, so dass sie regulär laufen konnten - sind das "entnazifizierte" Nazifilme?

Moeller: Das wurde sogar bis in die 80er Jahre praktiziert, um die Filme wieder auswerten zu können. Aber das Entfernen der äußeren Symbole wäscht ja die Ideologie nicht heraus. Allerdings ist diese Praxis ein interessantes Symbol dafür, wie man in der Nachkriegszeit mit der NS-Vergangenheit umgegangen ist.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem NS-Kino, haben auch eine Doku über die Familie des "Jud Süß"-Regisseurs Veit Harlan gedreht. Hat dieses Kapitel des deutschen Kinos für Sie eine dunkle Faszination?

Moeller: Nein, ich glaube nicht, dass ich da einer Faszination erliege. Aber es ist interessant, zu sehen, wie diese Filme gemacht sind, wie sie funktionieren. Diese Seite der deutschen Filmgeschichte wird vernachlässigt, es gibt zu wenig Wissen darüber. Aber diese Filme sind ein kulturelles Erbe, wenn auch ein negatives.

"Verbotene Filme" läuft ab morgen im Saarbrücker Filmhaus. Zwischen dem 29. April und 6. Mai bietet die Landeszentrale für politische Bildung im Filmhaus neun Kinoseminare für Schüler der Klassenstufen 9 bis 12 mit den Propagandafilmen "Hitlerjunge Quex", "Jud Süß" und "Kolberg" an. Info und Anmeldung unter Tel. (0 68 97) 790 81 44