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Die perfekte Cellistin

Weltstar Sol Gabetta beim Saarbrücker Konzert in der Congresshalle. Foto: Oliver Dietze
Weltstar Sol Gabetta beim Saarbrücker Konzert in der Congresshalle. Foto: Oliver Dietze FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Ein früher Höhepunkt der Musikfestspiele Saar: Die Münchner Philharmoniker gastierten mit Weltstar Sol Gabetta in der Congresshalle. Ein großes Konzert mit einem kleinen Durchhänger. Hans Bünte

Eine Lehrstunde zum Verhältnis von Musik und Politik wurde das Konzert der Münchner Philharmoniker im Rahmen der Musikfestspiele Saar . Nicht nur durch Beethovens 3. Sinfonie, die "Eroica", ursprünglich dem "grand'uomo" Bonaparte gewidmet und ihm wieder entzogen, nachdem er sich selbst zum Kaiser gekrönt hatte; sondern ganz aktuell mit der Ablehnung des vorgesehenen Dirigenten, Valery Gergiev, durch die polnische Seite wegen dessen Einsatzes für Putin. So dirigierte also ein Pole, Michal Nesterowicz, Preisträger und bei vielen Orchestern zu Gast.

Zu Anfang Henryk Góreckis "Drei Stücke im alten Stil", farbig und kontrastreich. Schon der satte Streicherklang verriet, dass da ein Spitzenorchester saß. Der erste Satz beeindruckte als stetiges Crescendo, der tänzerisch-rustikale Charakter des zweiten und die kirchentonartlichen Wendungen des dritten Satzes ließen die dünne Struktur dieser "Minimal Music" fast vergessen.

Warum sich dieser günstige Eindruck in Beethovens "Eroica" nicht wiederholte, war leicht erkennbar: Michal Nesterowicz milderte die widerborstigen Akzente des Kopfsatzes, die harten Schläge und die dynamischen Gegensätze, also das Revoltieren gegen die Konvention. Die ungewohnte Aufstellung - die Kontrabässe links hinter den Ersten Violinen - brachte zwar im Trauermarsch ein überraschendes Klangbild, doch dass es im Scherzo immer wieder wackelte, kann bei einem derart exquisiten Ensemble nur am Dirigenten liegen. Oder kam es nach dem Auftritt mit dem charismatischen Gergiev am Vorabend in Paris hier in der "Provinz" zu einem Durchhänger?

Sensationell hingegen das Cellokonzert von Dvorák. Sol Gabetta , zum Weltstar gereift, aber in ihrer Erscheinung immer noch mädchenhaft unbekümmert und natürlich, bot dem Publikum Einblick in ihre Doppelnatur: Sie ist eine perfekte Cellistin und zugleich eine tiefgründige Musikerin, die ihre wechselnden Rollen in diesem Stück genau plante, hier dominierte und dort zurücktrat, um die schönen Bläsersoli zu begleiten. Dem heldisch strahlenden Kopfthema schenkte sie Lyrik, variierte ihr Vibrato von feuriger Erregung bis zu einem verhaltenen Schwanken des Tones; ihr Pianissimo in höchsten Lagen war atemberaubend. Und der Übermut, mit dem sie alle technischen Probleme anging, machte klar, was es eigentlich heißt, Cello zu "spielen".

Leider konnte man manches nur erahnen, weil das Orchester seine Klangfülle ungebremst entfaltete, als sitze es im Gasteig und nicht in der problematischen Congresshalle. Auf den orgiastischen Beifall hin musizierte Gabetta mit den Cellokollegen das katalanische Volkslied "El cant dels ocells" (Gesang der Vögel), einst das Zugabestück ihres großen Vorgängers Pablo Casals .