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Die nordische Hexenmeisterin: Rebekka Bakken in St. Ingbert

St Ingbert. Seit Mittwoch läuft das 29. Jazzfestival St. Ingbert. Erster Höhepunkt: ein Auftritt der norwegischen Sängerin Rebekka Bakken zusammen mit der HR Big Band. Kerstin Krämer

Wer Rebekka Bakken von ihrem St. Ingberter Auftritt vor zwölf Jahren in Erinnerung hatte, hätte sie nun fast nicht wiedererkannt. Wie weggeblasen alles Ätherische, Verkünstelte, Verkopfte - am Donnerstag stand beim 29. Internationalen Jazzfestival St. Ingbert eine Frau auf der Bühne, die mächtig Dreck und Blues in der Kehle hatte und klingen konnte wie eine versoffene Puffmutter. Zusammen mit der HR Big Band schickte sich die Norwegerin an, das verschrobene, knarzende und grandios poetisch-theatralische Universum eines Tom Waits zu erobern.

Auf roten Highheels gestikulierend, wirkte Bakken mitunter wie eine beschwörerische Hexenmeisterin, die - mal flüsternd, mal kreischend - am flackernden Irrlichtern in den Arrangements höllisches Vergnügen fand. Selbst raunenden und munkelnden Sprechgesang meisterte sie ausdrucksstark und "vergiftete" auch lyrischere Titel mit einem "little drop of poison": einem um rauhe Schrägheit bemühten stimmlichen Zugriff.

Unter der Leitung von Jörg Achim Keller erspielte die HR Big Band kontrastreiche Klangwelten von schön bis schroff. Die Hessen betteten Balladen auf samtweichen, mit Stabspielen gepufferten Flausch oder fuhren mit elektronisch verfremdeten Grooves schweres Rock-Geschütz auf; sie ließen eine Instrumentalnummer wie "Los Angeles Theme" mit Rockabilly-Gitarren fetzig swingen und zelebrierten jene Waits-typischen, delirierenden Karussellfahrten, wie man sie aus dem Musical "The Black Rider" kennt ("Just the right bullets").

Ein feiner Abend, zumal das Festival atmosphärisch zugelegt hat. Im Foyer luden weiße Sitzgelegenheiten zum Herumlümmeln ein, oben konnte man eine Ausstellung zum Thema Jazz bewundern. Und: Die Stadthalle war erfreulich gut besucht. Auch beim eintrittsfreien Auftakt tags zuvor, der "Young Jazz Night", hatten sich laut Oberbürgermeister Hans Wagner immerhin knapp 400 Zuhörer getummelt - der Versuch, junges Publikum zu ködern, sei gelungen.