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Die Musik prachtvoll, die Inszenierung blutleer

Salzburg. Nach dem spröden „Gawain“ hat sich das Publikum der Salzburger Festspiele nun über ein wenig Glanz freuen können: Mozarts Oper „Lucio Silla“ bot opulente Klänge, strauchelte aber durch eine reichlich lahme Inszenierung. Von SZ-MitarbeiterGeorg Rudiger

Dieser "Lucio Silla" beginnt im Orchestergraben - mit vitalen Trillern, farbigen Naturhörnern und glasklar artikulierenden Streichern. Das, was Marc Minkowski mit seinen fabelhaften Musiciens du Louvre Grenoble in der dreiteiligen Ouvertüre der frühen Mozartoper verspricht, kann er den ganzen Abend halten. Lebendig und detailverliebt, aber auch auf große Zusammenhänge achtend ist diese Interpretation. Das vorzügliche Solistenensemble trägt er auf Händen. Allen voran brilliert Olga Peretyatko als selbstbewusste, dem Drängen Lucio Sillas widerstehende Giunia. Die fein ziselierten Koloraturen der russischen Sopranistin sind nie Selbstzweck, sondern immer Träger des Ausdrucks. Giunias Geliebter Cecilio wird von der französischen Mezzosopranistin Marianne Crebassa mit einer Tiefe beschenkt, die immer die Contenance behält. Inga Kalna als ein Lucio Cinna mit Ecken und Kanten und Eva Liebau in der Rolle der Harmonie liebenden Schwester Celia machen Rolando Villazón in der Titelpartie das Leben leicht. Dieser braucht ein wenig Zeit, ehe er in den Abend hineinfindet. Aber spätestens bei seiner letzten, eingeschobenen Arie "Se al generoso ardire" von Johann Christian Bach, die er fast im Orchestergraben singt, glänzt Villazón mit Ausdruck und feinem Legato.

Dass dieser "Lucio Silla" schließlich doch kein großer Musiktheaterabend wird, liegt an der historisch vermeintlich korrekten, blutleeren Inszenierung von Marshall Pynkoski. Die Kulissen von Antoine Fontaine entfalten keinerlei Spannung. Auch das vom Regisseur immer wieder auf die in Brauntönen gehaltene Bühne geschickte Ballett liefert Dekoration statt Interpretation (Choreographie: Jeannette Lajeunesse Zingg). Die gesamte Geschichte von der wundersamen Wandlung eines Diktators wird zwischen Bäumen und Säulen, Toren und Treppen im Halbdunkel erzählt (Licht: Hervé Gary). Und verliert allein dadurch viele Nuancen.

Zumindest in der Personenführung hat Pynkoski ein glücklicheres Händchen, wenn er die in edle Stoffe gekleideten Figuren (Kostüme: Antoine Fontaine) sehr körperlich agieren lässt, die Handlung in den Arien durch klare Bewegungen weiterstrickt und bestimmte Gesten gehalten werden, die etwas über die seelische Verfassung der Figuren aussagen. Das Salzburger Premierenpublikum klatscht ausdrücklich auch bei der Regie. Und ist froh, dass sich nach dem spröden "Gawain" mit "Lucio Silla" endlich ein wenig Glanz bei den Festspielen ausbreitet.