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Die Kunst der Wahrnehmung

„City Performance N° 1“ aus dem Jahr 1977. Foto: ADAGP, Paris/Tania Mouraud
„City Performance N° 1“ aus dem Jahr 1977. Foto: ADAGP, Paris/Tania Mouraud FOTO: ADAGP, Paris/Tania Mouraud
Metz. Die erste große Schau über die französische Gegenwartskünstlerin Tania Mouraud (Jahrgang 1942) in Metz dokumentiert deren Schaffen von den 1960er-Jahren bis heute. Ihr Werk, für das sie mit unterschiedlichsten Medien arbeitet, dreht sich vor allem um Fragen der Wahrnehmung und der Sprache. Esther Brenner

Angestrengt betrachte ich die schwarzen Wandreliefs, die sich auf zwei gut zehn Meter langen bis zu fünf Meter hohen weißen Wänden in regelmäßigen Abständen und unterschiedlichen Größen wiederholen. Ich weiß: Es geht hier um Schrift, um die plastische, dreidimensionale Darstellung von Worten und deren Wahrnehmung. "Ici/Là" heißt diese Arbeit von Tania Mouraud aus dem Jahr 1989 . Ich glaube einen Buchstaben entschlüsselt zu haben. Aber einen ganzen Schriftzug? Unmöglich. Dafür müsste man - falls es überhaupt gelingt - sehr genau, sehr lange und hochkonzentriert schauen - und seine eigene Wahrnehmung überlisten. Allerdings hatte ich am Dienstag das Glück, dass mir die anlässlich einer Presseführung anwesende Künstlerin persönlich auf die Sprünge half. "Sehen Sie hier, ein ,I', ein ‚c' und ein kleines ‚i'", fährt sie die zwischen den schwarzen plastischen Formen entstandenen Weißflächen auf der Wand nach, die die Buchstaben des "ici" (frz. hier) ergeben. Das Gleiche zeigt sie beim "Là" (frz. da). "Ja, jetzt kann ich es sehen", bemerke ich verblüfft. Tania Mouraud arbeitet hier mit dem Potenzial der Umkehrung von Schwarz und Weiß in der Schrift. Die an der Wand fixierten Reliefbilder stellen die umschlossenen Innenflächen von Großbuchstaben dar. "Statt der schwarzen Formen muss der Betrachter die Negativ-Form, das Weiße, lesen." Mourauds Spiel mit der Wahrnehmung ist eine Kunst, für die der Betrachter viel Geduld und Sehvermögen mitbringen muss.

Auch Mourauds großformatige, schwarz-weiße Wandgemälde , bei denen sie Typografie extrem verzerrt ("Formwörter"), funktionieren nach dem Prinzip der Umkehrung von Schwarz und Weiß, von Positiv und Negativ. Wer sich schon einmal über das gigantische Schwarz-Weiß-Muster auf der Rückseite des Metzer Kunstzentrums Frac Lorraine gewundert hat: Es ist eine Arbeit von Tania Mouraud mit dem Titel "HCYS?".

Doch die Ausstellung ist nicht durchgängig ganz so verkopft wie in der Sektion über die theorielastigen Werke rund um die Plastizität von Schrift. Empfangen wird der Besucher von einem großformatigen Foto, das zeigt, wie Tania Mouraud 1968 alle ihre Gemälde verbrennt. Es markiert den Beginn ihrer Karriere als Konzeptkünstlerin. Fortan - so zeigt die Schau - interveniert die Autodidaktin zunehmend im öffentlichen Raum. Bekannt ist ihre "City Performance N° 1" (1977), bei der sie die scheinbar sinnfreien Buchstaben "NI" großformatig in ganz Paris plakatierte, um die starke suggestive Wirkung von Werbung zu thematisieren. Im Metzer Stadtraum wird diese Intervention im Juni neu zu sehen sein.

In den frühen 70er-Jahren entstehen ihre audioperzeptiven Meditations- und Initiationsräume. Der allererste dieser Räume ist im Centre Pompidou aufgebaut, mit Überziehschuhen betritt der Besucher den gleißend-weißen Raum. Weitere sind als Modelle zu sehen.

Wenig aussagekräftig und eher konventionell sind Mourauds von einer langen Indienreise inspirierten, selbstreflektierenden Arbeiten - Fotocollagen kombiniert mit Text - auch aus den frühen 70er-Jahren. Sie kreisen um Identität und Sinnsuche. Interessanter sind Mourauds philosophische Überlegungen über Kunst, ihre Funktion und Perzeption.

Erstaunlich ist die Vielseitigkeit dieser 73-jährigen Künstlerin, die in ihrer Entwicklung nie stehen geblieben zu sein scheint. Klang, Video, Installation, Fotografie - Tania Mouraud hat alles ausprobiert. Arbeiten aus den vergangenen zwei Dekaden, in denen die eigene und die universelle Geschichte zunehmend eine Rolle spielt, beschließen die Schau. In der audiovisuellen Installation "Ad Nauseam" zeigt sie eine Papierrecycling-Fabrik, in der Bücher geschreddert werden. Eine eindrucksvolle Metapher für die Vernichtung von Wissen, Tradition, Schrift - und Geschichte.

Die Schau ist eine Schule des Sehens, sie erzwingt Entschleunigung, stellt Wahrnehmung in Frage. Wer keine Zeit mitbringt, wird wenig davon haben.

Öffnungszeiten: Mo, Mi, Do, Fr und So 11 bis 18 Uhr, Sa 11 bis 20 Uhr. Di geschlossen.



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Auf einen BlickTania Mouraud wird mit ihren Werken vom 27. Juni an bis zum Ende der Retrospektive am 5. Oktober den öffentlichen Raum von Metz erobern. Auf einem Parcours durch die Stadt werden sie an verschiedenen Orten zu sehen sein. centrepompidou-metz.fr