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"Die Kritiker konnten ihren ganzen Frust loswerden"

Oskar Roehler. Foto: X-Film
Oskar Roehler. Foto: X-Film
Das Festival zeigt einige Ihrer früheren Filme. Schauen Sie sich die noch gelegentlich an?Roehler: Ich habe immer Berührungsängste vor dem, was ich schon gemacht habe - das lege ich gerne ad acta für mich, zumindest, was Filme angeht. In meinen Büchern blättere ich gerne, aber frühere Filme schaue ich mir nicht an, es sei denn, bei einem Festival

Das Festival zeigt einige Ihrer früheren Filme. Schauen Sie sich die noch gelegentlich an?



Roehler: Ich habe immer Berührungsängste vor dem, was ich schon gemacht habe - das lege ich gerne ad acta für mich, zumindest, was Filme angeht. In meinen Büchern blättere ich gerne, aber frühere Filme schaue ich mir nicht an, es sei denn, bei einem Festival.

Und wie ist das dann?

Roehler: Dann merke ich, wie ich damals getickt habe. Neulich bin ich in den Genuss gekommen, "Suck my dick" noch einmal zu sehen. Ich hatte nichts erwartet, ich dachte immer, dass sei ein schlechter, zusammengehauener, schändlicher Film, der gerade deswegen so cool ist. Aber ich fand ihn doch recht gut gemacht.

Geht es Ihnen bei manchen Ihrer Filme auch umgekehrt?

Roehler: "Die Unberührbare", die mir von allen Seiten als mein Meisterwerk bescheinigt wird, würde ich heute in einem schnelleren Rhythmus inszenieren. Man muss sich bei dem Film auf das Tempo einlassen - und "einlassen" gehört nicht mehr in mein Vokabular. Ich finde, der Rhythmus muss dem Zuschauer entgegenkommen.

Maßgeschneidert für ein ganz großes Publikum sind Ihre Filme aber nicht, oder?

Roehler: Fünf Millionen Zuschauer wie Til Schweiger werde ich nie erreichen, weil ich nicht den Nerv einer riesigen Mehrheit treffen kann mit dem, was ich mache. Andererseits wäre es doch wünschenswert, dass sich fünf Millionen Leute einen Film wie "Suck my dick" anschauen würden.

Wenn "Die Unberührbare" als ihr Meisterwerk gilt und gleichzeitig einer ihrer frühen Filme ist, scheint es bei Ihnen ja in den Augen der Kritik bergab gegangen zu sein, oder?

Roehler: Nein, "Agnes und seine Brüder" wurde auch gut aufgenommen. Aber so lange Schatten hat er nicht geworfen, weil er nicht so extrem und so streng wie "Die Unberührbare" ist, sondern auch ein Unterhaltungsfilm wie "Elementarteilchen". Das wird dann von der Kritik nicht so hoch bewertet.

Haben die Verrisse von "Jud Süß" Sie überrascht?

Roehler: Es gab ja durchaus auch Gegenstimmen. Aber das Ganze hat auch mit den psychologischen Gegebenheiten der Berlinale zu tun, wo der Film lief. Ich weiß, wie es ist, wenn man zehn Tage Berlinale-Wettbewerb hinter sich hat - mein Film lief am zehnten Tag. Außerdem hatte ich Ärger mit einer sehr anmaßenden Journalistin, die ich aus dem Interview geschmissen habe, weil ich keine Lust mehr hatte, mir ihre blödsinnigen Fragen anzuhören. Dann wurde natürlich im Internet breit gestreut, was ich für ein arrogantes Arschloch sei. Das Ganze war eine grandiose Welle aus Voreingenommenheit und Entladung, wo viele Kritiker mal ihren ganzen Frust loswerden konnten. Das hat der Film nicht verdient, er ist einer meiner besten.

Trägt man so etwas lange mit sich herum?

Roehler: Überhaupt nicht. Wirklich ausgemacht hat es mir nichts, ich habe mich nur wahnsinnig aufgeregt über diese Ungerechtigkeit. Man konnte dann endlich auch mal Moritz Bleibtreu schlachten, der sonst immer so gut wegkam. Aber es gab schon schlimmere Schocks.

Welche?

Roehler: Etwa, dass "Lulu & Jimi" so an der Kinokasse abgestürzt ist. Ich hatte so hart gearbeitet wie nie. Dieser Misserfolg war mein persönliches Vietnam.

Wie schwer macht so ein Flop die Finanzierung des nächsten Films?

Roehler: Ich habe starke Produzenten, und letztlich war es ja ein guter Film - ich habe schon schlechtere gemacht. Mein kommerziell erfolgreichster Film, "Elementarteilchen", gehört nicht zu meinen Favoriten.

Ihr neuer Film "Quellen des Lebens" ist Ihr vierter mit Moritz Bleibtreu. Was für ein Arbeitsverhältnis haben Sie zueinander?

Roehler: Ein fast symbiotisches - wir müssen nicht viel reden. Er hat immer gute Einfälle, das hat man ja auch gerade bei "Jud Süß" gesehen, da empfand ich ihn als den besten Schauspieler - im Gegensatz zu Ihren Kollegen. Seine clowneske Berlusconi-Nummer war genau das Richtige für einen Parvenü wie den Goebbels.

Sie haben vor Jahren das Projekt "Der kleine Doktor" über Goebbels vorbereitet. Wie steht es damit?

Roehler: Das lässt sich hier nicht realisieren, allein schon wegen der Größe eines historischen Films. In Deutschland will jeder gleich einen Film über Hitler haben, den kennt jeder noch so Ungebildete. Aber Goebbels lässt sich nicht verkaufen, weil 80 Prozent der jungen Leute ihn schon nicht mehr kennen, nur den mit dem kleinen Bärtchen.

Ist Ihre Biografie, das Aufwachsen bei den Großeltern, das Desinteresse der Eltern, eine Triebfeder für Ihre Arbeit?

Roehler: Ich arbeite einfach gerne mit dem Material, das ich kenne - aber ich erfinde auch viel. "Quellen des Lebens" basiert zwar auf der Geschichte meiner Familie, vieles ist aber erfunden, manche Figuren sind zusammengesetzt aus vielen realen Menschen. Aber um die Atmosphäre einer bestimmten Zeit einzufangen, brauche ich Menschen, die ich gut gekannt habe. Das wird von manchen Kritikern abgetan, als würde ich mich zwanghaft mit meiner Kindheit beschäftigen - das ist aber Humbug. Ich mache ja keine Reality-Show.

Termine: "Silvester Countdown" und danach das Porträt "Der Berührbare": Morgen, 20.30 Uhr, Camera Zwo; "Agnes und seine Brüder": Freitag, 18 Uhr, Camera Zwo. "Die Unberührbare": Freitag, 20.30 Uhr, Camera Zwo. "Lulu und Jimi": Sa, 14.30 Uhr, Cinestar. "Jud Süß - Film ohne Gewissen": Sa, 17 Uhr, Cinestar. Laut Festival ist Roehler bei allen Terminen dabei.

Langfassung des Interviews

unter: www.cineblog.

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Oskar Roehler. Foto: X-Film
Oskar Roehler. Foto: X-Film