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| 20:23 Uhr

Die jährliche Phantasie-Explosion

Marvin Brendel in seinem Container in der Handwerkergasse, wo er eine 141-Stunden-Performance lebt und inszeniert. Fotos: Iris Maurer
Marvin Brendel in seinem Container in der Handwerkergasse, wo er eine 141-Stunden-Performance lebt und inszeniert. Fotos: Iris Maurer
Saarbrücken/Völklingen. Sie brauchen eine neue Brille? Drucken Sie sich doch eine aus. Falls Sie einen 3-D-Keramik-Drucker haben und das Programm, das die Studenten im "Digitalen Produktionszentrum" der Saarbrücker Kunsthochschule dafür austüftelten Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Saarbrücken/Völklingen. Sie brauchen eine neue Brille? Drucken Sie sich doch eine aus. Falls Sie einen 3-D-Keramik-Drucker haben und das Programm, das die Studenten im "Digitalen Produktionszentrum" der Saarbrücker Kunsthochschule dafür austüftelten. Jawohl, hier, wo die Medieninformatiker der Universität mit den Produktdesignern der HBK zusammenarbeiten, weht ein Hauch von Science-Fiction. Was für eine hoch technisierte digitale Forschungs- und Bastelbude! Wer ob der digitalen Revolution je seinen Glauben daran verlor, dass die Kunst der eigentliche Innovations-Motor jeder Epoche ist, wird ihn hier, in der Klasse von Professor Andreas Brandolini, wiederfinden. Und zugleich jeden Zweifel verlieren, die "anwendungsorientierten" Design-Studiengänge segelten gefährlich weit weg von der Sinn- und Zweck-Entbundenheit der freien Kunst - Debatten von gestern. Halten wir uns lieber an die Phantasie- und Kreativitäts-Explosion, die 400 Studierende frei setzen. Selbstverständlich tauchen dabei auch Banalitäten auf - Höhlen, die einer Vagina gleichen und in denen "Mutterkuchen" verspeist wird - oder wenig Durchdachtes, schnell Hingeworfenes. Das liegt in der Natur der (Anfänger-)Sache. Wie auch der Charme der Unbekümmertheit, den insbesondere die bundesweiten Einsendungen zum Wettbewerb "Gelb spielt keine Rolle" besitzen. Die Malerei-Klasse von Gabriele Langendorf lud Studierende anderer Hochschulen ein und zeigt 100 meist per Post geschickte, eher kleinteilige Arbeiten in der Völklinger Handwerkergasse. Man erlebt eine gut gelaunte und (selbst-)ironische Auseinandersetzung mit dem Thema. Wie zum Trotz taucht Gelb sehr häufig auf, nur FDP-Parteichef Philipp Rösler muss mit Rot-Grün klar kommen. Geld spielt bei diesem undotierten "Völklinger Kunstpreis" freilich keine Rolle, im Kontrast zu dem mit 16 000 Euro (!) ausgestatteten Hager-Preis ("Strom fließt"), der in der Saarbrücker HBK-Galerie präsentiert wird.

Der Rundgang steht einmal mehr ganz im Zeichen des "Cross-over". Kaum eine Kunstrichtung tritt mehr solistisch auf, Installationen vereinen Elemente der Malerei, Bildhauerei, Lichtkunst und Architektur. Beispielhaft lässt sich das im Raum von Intermedia-Professor Daniel Hausig nachvollziehen. Dort hat Michael Voigt mathematische Formeln in Raum-"Ornamente" übersetzt und als verblüffend ästhetische Lichtplatten-Objekte aufbereitet. Direkt daneben findet sich eine staunenswerte Lampion-Skulptur, die Karin Fritz aus zerfetzten, in der Stadt eingesammelten Regenschirmen gebaut hat. Es ist dies Schönheit, die dem Alltag entrissen wird, wenn man ihn nur mit frischen Augen anschaut - und es wagt, zu spielen und zu spinnen. Dann werden Strümpfe zu Blüten gefaltet und als Kleiderstoff verwendet, Kleiderbügel zu hochattraktiven Büro-Raumteilern zusammengesetzt. Selbst im HBK-Foyer, das sich als veritable und eher klassische Foto-Galerie für die Klasse von Professor Eric Lanz präsentiert, wird man häufiger überrascht. Etwa, wenn Murmeln, die sich auf einem Scanner bewegen, im Moment des Fotografierens zu sonderbaren Würmern verformen - eine Skulptur, aus der Zeit geboren. Der Liste der Entdeckungen wäre noch Etliches hinzuzufügen, insbesondere der Tipp: Besuchen Sie das Kurzfilm-Kino der Kommunikations-Designer. Dort lernen Sie, wie Sie in 45 Sekunden zum selbstständigen Unternehmer werden. Umarmen Sie einen herrenlosen Chefsessel. Kurz: Es macht Spaß, den Anfängern über die Schulter zu schauen.

Auf einen Blick

Rundgang in der HBK in Saarbrücken (Keplerstraße 3-5): Eröffnung heute, 18 Uhr, Foyer; Eröffnung Rundgang in der Handwerkergasse des Völklinger Weltkulturerbes: Sa, 14 Uhr. Die Ateliers sind Sa und So von zehn bis 19 Uhr geöffnet, Mo bis 15.30 Uhr.

Peter-und-Luise-Hager-Preis für interdisziplinäre Ästhetik: Strom fließt; Preisverleihung heute, 19 Uhr, in der Galerie der HBK. ce

Der Raum der Intermedia-Studenten: Roman Redzimski vor einer Installation seines Kommilitonen Jochen Vollmer.
Der Raum der Intermedia-Studenten: Roman Redzimski vor einer Installation seines Kommilitonen Jochen Vollmer.