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Presseschau
Die Irrungen der SPD

Die „Süddeutsche Zeitung“ (München) schreibt zum Ja der SPD zu Koalitionsverhandlungen:

Wenn es am Ende doch noch schiefginge, wäre Schulz an jener Stimmung gescheitert, die er selbst heraufbeschworen hat. Er ist als Kanzlerkandidat angetreten, der mit der großen Koalition nichts gemein haben wollte. Er hat so getan, als könnte man sich an einer Regierung mit der Union und an Angela Merkel kontaminieren wie an Atommüll. Wenn die SPD sich am Ende gegen eine große Koalition entscheidet, ist Martin Schulz daran gescheitert, dass er Martin Schulz nicht vergessen machen konnte.


Die „Frankfurter Rundschau“ meint:
Bleibt zu hoffen, dass die Sozialdemokraten nun stärker über Inhalte diskutieren und weniger über die Frage: regieren oder regenerieren, große Koalition oder Opposition? Bei dieser Auseinandersetzung haben die Sozialdemokraten sicher die Debattenkultur in der Partei und darüber hinaus belebt. Viele erinnerten aber mit der Entweder-oder-Haltung an die Streitereien in der sozialdemokratischen Geschichte, an deren Ende sich gar Teile der Partei abspalteten. Profitiert hat davon immer der politische Gegner.

„Die Welt“ (Berlin) kritisiert:



Die SPD wird also weiter mit den Unionsparteien sprechen – mal defensiv verzagt gegenüber sich selbst, mal aggressiv gegenüber dem möglichen künftigen Koalitionspartner, und hat sich immer weiter in Richtung einer rein sozialpolitisch orientierten Klientelpartei verengt. Von einer Partei, die mit dem Anspruch diskutiert, eines Tages das Kanzleramt zu führen, verlangt man mehr. Eine solche Partei sollte die Dimension einer stabilen deutschen Regierung in einer instabilen Welt mindestens genauso leidenschaftlich diskutieren, wie sie es bei ihren sozialpolitischen Lieblingsthemen tut.

Der „Münchner Merkur“ analysiert:

Die SPD rollt die rote Fahne ein und hisst die weiße. Das gequälte Ja des Sonderparteitags zu Verhandlungen für eine neue Groko war kein selbstbewusster Aufbruch in ein neues Kräftemessen mit einer schwächer werdenden Kanzlerin, sondern eine Kapitulationserklärung aus Angst vor dem Untergang. Verzagt und weinerlich marschiert die Partei in die dritte Koalition unter Angela Merkel. Den Vogel schoss Hamburgs Bürgermeister ab, als er über die Sondierungen mit der Union sagte: „Wir haben nicht genug nicht erreicht, um nicht in Koalitionsgespräche zu gehen.“ Wer sich so klein macht, darf sich nicht wundern, wenn er von den Wählern für einen Zwerg gehalten wird. Oder für die Drama-Queen der deutschen Politik.