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Die Handschrift des Meisters erkennen lernen

Eine Frau betrachtet eine Michelangelo-Zeichnung im Städel-Museum. Foto: Norbert Miguletz
Eine Frau betrachtet eine Michelangelo-Zeichnung im Städel-Museum. Foto: Norbert Miguletz
Frankfurt. Körper anatomisch denken und von ihrem Zentrum her aufbauen, Gegenstände gemäß ihrer Funktion gestalten - das vermochte Michelangelo Buonarroti selbst auf Papier. Dadurch gelang ihm auch im Medium der Zeichnung ein seltenes Maß an Bewegungsdynamik, Spannung und Vielschichtigkeit. Das gab er bloß nicht weiter Von SZ-Mitarbeiterin Dorothee Baer-Bogenschütz

Frankfurt. Körper anatomisch denken und von ihrem Zentrum her aufbauen, Gegenstände gemäß ihrer Funktion gestalten - das vermochte Michelangelo Buonarroti selbst auf Papier. Dadurch gelang ihm auch im Medium der Zeichnung ein seltenes Maß an Bewegungsdynamik, Spannung und Vielschichtigkeit. Das gab er bloß nicht weiter. Der Vielzeichner (1475-1564) unterhielt anders als viele seiner Kollegen keine Bottega - keine Werkstatt im klassischen Sinne, in der Mitarbeiter ausgebildet worden wären. Niemand aus seinem Dunstkreis trat später seinerseits innovativ in Erscheinung.



Der um Feinheiten der Imagepflege nicht Verlegene wollte der Nachwelt offenbar ein bestimmtes Bild seiner Persönlichkeit und Einzigartigkeit hinterlassen. Er verbrannte viele Blätter noch kurz vor seinem Tod. Andererseits verweigerte er die Signatur: Seismographische Veränderungen in der Druckstärke des Stifts, Helligkeitswerte der Konturen, wechselnde Auffassungen von Schattenflächen, die Feinabstufung von Grauwerten und der selbst in der Zweidimensionalität erreichte Reliefcharakter der Oberflächen waren Signatur genug. Vor einem Michelangelo hat man zu erbeben.

Nicht allen reicht ihr Sensorium. Der vielleicht größte Künstler aller Zeiten ist ein Fall für Zu- und Abschreibungsfanatiker. Es könnten 40 Zeichnungen authentisch sein - jedoch auch mehr als zwanzig Mal so viele, je nach Kunsthistoriker-Gusto.

Das ist Anlass für eine stupende Ausstellung im Städel. Anhand ausgewählter Blätter behandelt das Museum das Kapitel Original und Kopie und macht dabei selbst - betrachtet man die Ankaufsergebnisse unter Johann David Passavant, Inspektor im 19. Jahrhundert, gar keine gute Figur. Der Anhänger Raffaels befasste sich mit dessen Rivalen Michelangelo auf einem Niveau geringerer Kennerschaft, erwarb ein Blatt schon mal irrtümlich als Werk des Superstars. Ob er Eigenhändiges ergattert hat oder nicht, stürzte Experten schon in fiebrige Kontroversen. Frankfurt muss damit leben, dass die erstklassigen Papiere meist andere haben. Insofern schult die Schau das Auge doppelt. Eine Enthüllungsveranstaltung zum Thema Urheberschaft, und was für eine!

Aufregend und prinzipiell herausfordernd zum Vergleich: Woran erkenne ich Michelangelo? Bisweilen an Kleinigkeiten. Etwa dem Knopf, mit der die Kappe der Marchesa di Pescara, einer legendären Freundin des Genies, am Stirnband befestigt ist. Sieht "in echt" aus wie eine Träne und schrumpft beim Nachahmer zum puren Ornament. Gut kopiert ist eben noch nicht modelliert.

Zu solcherlei Vergleichen bietet die Schau dem Betrachter viele Möglichkeiten. Das macht sie lehrreich und daher sehenswert.

Läuft bis 7. Juni.

Im Internet: www.Staedelmuseum.de