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| 19:14 Uhr

Die gute alte Tante BRD?

Nostalgie. Auf die Frage, ob früher alles besser war, gibt es keine generelle Antwort. Jeder hat seine eigene Version der Vergangenheit, oft verklärt unter dem milden, vieles wegretouchierenden Licht der Erinnerung. Dass nach einer aktuellen repräsentativen Umfrage des Meinungsfoschungsinstituts YouGov immerhin 41 Prozent der befragten Deutschen den Satz "Früher war alles besser" bejahen und damit 15 Prozent mehr als 2015, bedeutet im Umkehrschluss: Immer mehr Deutsche hadern mit der Gegenwart. Warum? Christoph Schreiner

Die Umfrage selbst gibt dazu Hinweise: Demnach sind die 80er Jahre die bevorzugte Sehnsuchtsdekade. Ausgerechnet die Ära Kohl? Wer damals jung und politisch bewegt war, mag sich wundern: Erlebte man die BRD der 80er, jedenfalls vor dem Mauerfall, nicht als Zeit der Erstarrung? Und doch war diese Zeit nicht nur die Hochzeit der Anti-AKW-Bewegung (und damit die Geburtstunde der Grünen) und des aus Great Britain herüberschwappenden Punks, sondern eben auch die der wohlstandsverwöhnten, gänzlich unpolitischen Popper. Das waren die, denen Florian Illies mit "Generation Golf" später ein Denkmal gesetzt hat. Und so dürfte denn auch das heutige Nostalgie-Potenzial der 80er Jahre weit mehr mit der D-Mark-gestützten Genussorientierung von damals denn mit Rebellentum zu tun haben.

Damals galt die Welt noch als überschaubar. Man saß am gedeckten Tisch der guten alten Tante BRD. Ob man Kohl nun mochte oder nicht: Er stand ein für eine vergleichsweise noch geordnete, verlässliche Welt. Der Rest ist Verklärung. Die neoliberal befeuerte Globalisierung war noch genauso fern wie der große Arbeitsmarktumkrempler Rationalisierung. Verwunderlich ist es insoweit nicht, das die BRD-Nostalgie nun Teil des heutigen Lebensgefühls ist. Eine ganze Weile schien sie vorzugsweise ein Steckenpferd der AfD-Klientel zu sein. So wie umgekehrt die DDR-Nach-Verklärung ostdeutschen Linken vorbehalten war.

Das Bedürfnis nach berechenbaren, sicheren, halbwegs wohlständigen Verhältnissen wird seit jeher umso dringlicher, je instabiler und unüberschaubarer die soziale und politische Lage in Europa und der Welt scheint. Der Moloch EU, der Albtraum IS, die Verunsicherung durch Fremde, die Visionslosigkeit der heutigen Zeit: All das erzeugt vielfach Anti-Haltungen, begünstigt Fluchtinstinkte (ins Private) und nährt so letztlich auch Idealisierungswünsche.

Lange galt das System Merkel vielen als Hort der Gemütlichkeit. Damit ist es wohl vorbei. Was nicht heißt, dass die "Mutter der Nation" nicht bald schon, so wie heute die Kohl-Ära, zur künftigen Nostalgie-Galionsfigur der Deutschen wird. Sieht es doch nicht danach aus, als ob die deutschen Verhältnisse künftig einfacher, unschuldiger würden.