„Die großen Komponisten sind tot“

„Die großen Komponisten sind tot“

Das Treffen mit dem wohl bekanntesten Gegenwartskomponisten dauert 9 Minuten und 47 Sekunden. Mehr Zeit hat Krzysztof Penderecki nach der gestrigen Uraufführung seines „Concerto per tromba e orchestra“ im Rahmen der Musikfestspiele Saar (s. Kritik unten) nicht für ein Gespräch. Mit sanfter Stimme und in perfektem Deutsch erläutert der einstige Avantgardist SZ-Redakteur Johannes Kloth seine Sicht auf die zeitgenössische Musik. Die Botschaft: Avantgarde ist tot. Es lebe „ganz normale“ Musik! Dann gibt der 81-jährige Pole noch ein paar Autogramme – und ist entschwunden.

Herr Penderecki, sind Sie zufrieden mit der Uraufführung Ihres Trompetenkonzertes?

Penderecki: Ja, sehr. Ich habe das Stück gerade zum ersten Mal gehört, für mich ist es also noch ganz frisch. Ich muss sagen: Es war eine gute Aufführung. Es ist übrigens kein Konzert, sondern ein Concertino, ein kleines Konzert.

Sie haben vor über 60 Jahren begonnen, zu komponieren, gehörten in den 60ern zur Speerspitze der Avantgarde, haben dann wieder zu tonaler Musik zurückgefunden. Wie beurteilen Sie die zeitgenössische Musik heute?

Penderecki: Die Musik ist heute "normal" geworden. Wissen Sie, die 60er-Jahre mit ihrer falschen Avantgarde, oder besser gesagt, all den falschen Komponisten...

...falsch?

Penderecki: Naja, viele hatten einfach keine große Begabung. Sehen Sie mal: Alles aus dieser Zeit ist verschwunden. Wer spielt heute noch Boulez, Stockhausen oder Luigi Nono? Nono war ein sehr guter Komponist, vielleicht der beste dieser Gruppe. Stockhausen hat anfangs auch noch ganz inter-essant komponiert, bis er zum Guru wurde. Aber wie gesagt: Die Avantgarde ist weg. Was ich heute mache - und nicht nur ich -, ist ganz normale Musik.

Es gibt Komponisten, die an die Avantgarde anknüpfen…

Penderecki: Tja, wissen Sie, wir haben damals doch alles erfunden. Es war sehr schwer, nach meinen Stücken für Streicher, "Threnody" oder "Polymorphia", noch etwas Neues zu schreiben. Die Avantgarde hatte ihre Grenzen, so wie jede Avantgarde nur für ein paar Jahre existiert. Danach kommen nur Wiederholungen.

Gibt es denn keinen Kollegen heute, den Sie schätzen, dessen Schaffen sie verfolgen?

Penderecki: Ich denke, alle großen Komponisten sind tot. Leider. Ich war befreundet mit Schostakowitsch, mit vielen großen Komponisten Sie leben alle nicht mehr.

Sie werden immer wieder gefragt, warum Sie mit der Avantgarde gebrochen haben…

Penderecki: …Moment, ich habe nicht gebrochen mit ihr, nicht mit der Musik, die ich damals geschrieben habe. Die ist weiterhin wichtig und wird auch weiterhin gespielt. Ich bin einfach künstlerisch in eine andere Richtung gegangen. Ich benutze auch heute noch Elemente der Avantgarde, aber ansonsten schreibe ich das, was mir gefällt. Und das, wovon ich glaube, das es wichtig ist.

Sehen Sie sich heute eher in der Kompositionstradition des 19. Jahrhunderts?

Penderecki: Ich knüpfe an Musik an, egal ob aus dem 19. oder 20. Jahrhundert. Ich liebe Beethoven, Brahms, Bruckner, ein bisschen weniger vielleicht Gustav Mahler .

Wieviel Zeit verbringen Sie mit Komponieren?

Penderecki: Wenn ich nicht dirigiere, komponiere ich. Also jeden Tag.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Penderecki: Ich schreibe eine "Phädra" für die Wiener Staatsoper . Dann möchte ich noch zwei oder drei Konzerte schreiben, das macht mir viel Freude. Ich wollte früher Geigen-Virtuose werden, jetzt bin ich Komponist und schreibe eben die Musik, die mir Spaß macht.

Eine zweite Aufführung des 6. Sinfoniekonzertes des Saarländischen Staatsorchesters ("Aus Polen") mit Pendereckis Trompetenkonzert, Werken von Moniuszko, Lutoslawski und Szymanowski findet heute, 20 Uhr, in der Congresshalle in Saarbrücken statt. Karten unter Tel. (06 81) 3 09 24 86.

"Aus Polen" war nicht nur das Motto, sondern gestern tatsächlich ausschließlicher Programminhalt des 6. Sinfoniekonzertes des Saarländischen Staatsorchesters in Kooperation mit den Musikfestspielen Saar. Glanzlicht sollte die Uraufführung eines Trompetenkonzertes von Krzystof Penderecki werden. Der Komponist war anwesend, das Publikum kam zahlreich. Penderecki hat ein knapp formuliertes Werk geschaffen, dessen Tonmaterial pasticcio-gleich abwechslungsreich durch die vier attacca-Teile irrlichtert, kontrastreich und mäßig neutönerisch dem Solisten alle Chancen gibt, Virtuosität zu zeigen. Der Ungar Gábor Boldoczki, der erst nach Trompetensignalen hinter der Bühne herbeieilte, um Blechglanz und Flügelhornsamt auszubreiten, begeisterte. Zuverlässiger Lotse am Dirigentenpult war David Robert Coleman, der im gesamten Programm mit solidem Handwerk das Orchester zu souveräner Leistung inspirierte.

Einleitend gab es eine der Romantik verpflichtete Konzertouvertüre "Bajka" (Märchen) von Stanislaw Moniuszko. In seiner "Mala suita" (Kleine Suite) hat sich Witold Lutoslawski an Volksliedern orientiert und sie in vier Tanzsätze verarbeitet, die sich einer gut hörbaren Tonsprache bedienen. Programm-Schwergewicht war Karol Szymanowskis 4. Sinfonie, die "Symphonie concertante" mit Solo-Klavier. Sie integriert das Klavier weitgehend in die üppigen Tutti, so dass Solist Joseph Moog seine stupende Technik und klangsensible Gestaltung vorwiegend in der Kadenz und im langsamen Satz zeigen konnte. Später Impressionismus wob expressive Themen und kernige, Folklore geprägte Rhythmen aneinander. Das Orchester gestaltete den ekstatischen Ausdruck klangschön.