| 20:12 Uhr

Die Freiheit als Passion

Die Bundesrepublik wird von Historikern häufig als "erfolgreichste Demokratie der deutschen Geschichte" apostrophiert

Die Bundesrepublik wird von Historikern häufig als "erfolgreichste Demokratie der deutschen Geschichte" apostrophiert. Warum hat es nach 1949 erstmals geklappt mit der Demokratie?



Hamm-Brücher: Ich glaube, uns hat der Schock der Diktatur - nicht nur der Nazi-Diktatur, sondern auch der DDR-Diktatur - geholfen, die Freiheit und den Rechtsstaat als das höchste Gut zu erkennen. Gerade weil es vorher nie geklappt hat, war es umso schöner, dass wir beim dritten Anlauf so großen Erfolg hatten.

Umfragen der vergangenen Jahre zeigen, dass viele Menschen heute unzufrieden sind mit der Demokratie. Das war nicht immer so.

Hamm-Brücher: Mir scheint, das demokratische Bewusstsein der Deutschen war Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre stärker ausgeprägt als heute. Das hatte mit dem Wechsel von einer reinen CDU-Regierung zur sozialliberalen Koalition zu tun und den Bemühungen, mehr Demokratie zu wagen. Später nahm dieses Bewusstsein - teilweise aus Enttäuschung - wieder ab.

Haben Sie Verständnis für diese Enttäuschung? Befinden wir uns mittlerweile nicht auf dem Weg in eine Zweiklassengesellschaft?

Hamm-Brücher: Es gibt natürlich im Augenblick sehr viel Kritik und Enttäuschung. Wie sich diese Enttäuschung als Gesamtpolitikum auswirkt, wage ich erst nach den Bundestagswahlen zu beantworten. Ich glaube aber, dass die Zustimmung zur Demokratie als Staatsform stabil ist und es keine akute Gefährdung der Verfassung und des Systems - wie die Gegner sagen - gibt. Trotzdem sollten wir darauf bedacht sein, dass unsere Demokratie trotz des erfolgreichen Grundgesetzes nicht in so guter Verfassung ist, wie man es sich wünscht. Immer weniger Leute gehen zur Wahl, immer weniger wollen in eine Partei eintreten, immer mehr sind verdrossen, haben kein Vertrauen zu Politikern.

Dennoch sind bei uns soziale Unruhen wie etwa in Frankreich bislang ausgeblieben. Ist das nicht auch ein Zeichen für eine funktionierende Demokratie?

Hamm-Brücher: Ich halte die französische Demokratie für sehr lebendig. Die Franzosen waren schon immer aufmüpfiger als die Deutschen. Ich kann nur hoffen, dass bei uns solche Zustände nicht eintreten, weil wir einfach nicht dafür geschaffen sind. In Frankreich ist an einem Tag Generalstreik und am nächsten Tag wieder Friede-Freude-Eierkuchen und Trikolore angesagt.

Der Titel ihres neuen Buches "Demokratie, das sind wir alle" klingt wie ein Appell. . .

Hamm-Brücher: Das haben Sie richtig verstanden. Meine Sorge ist immer wieder, dass wir Demokratie nur als eine Staatsform akzeptieren und danach beurteilen, ob der Staat funktioniert. Der Zusammenhalt der Demokratie besteht aber in einer Lebensform, in der jeder ein Stückchen Verantwortung übernimmt und in dem Grundkonsens, dass diese Lebensform erhaltens- und verbesserungswürdig ist.

In ihrem Buch haben verschiedene Zeitzeugen - von Egon Bahr über Helmut Schmidt bis zu Horst Köhler - die Geschichte der Bundesrepublik aus ihrem persönlichen Blickwinkel und vor dem Hintergrund ihres eigenen Lebenswegs beschrieben. Auch Sie haben einen Beitrag verfasst, in dem Sie Ihren Weg in die Parteipolitik nachzeichnen. Können Sie jungen Menschen, die sich engagieren wollen, diesen Weg weiterempfehlen?

Hamm-Brücher: Demokratie braucht politische Parteien. Wer sich parteipolitisch engagieren will, sollte sagen können: "Ich bin ein leidenschaftlicher Demokrat und ich engagiere mich in einer Partei, von der ich annehme, dass sie mir am wenigsten schlecht gefällt." Ich bin da ganz nüchtern, wissen Sie. Es ist ja nicht wie bei einem Kircheneintritt, bei dem man dann an alles glauben muss. Das funktioniert bei einer Partei nicht. Wer sich engagieren will, muss ja auch nicht unbedingt in eine Partei eintreten. Es gibt auch Bürgerorganisationen, Menschenrechtsorganisationen und und und. Das ist ebenso wichtig. Überall muss das Engagement aus einer Freiwilligkeit heraus geboren werden.

Für Sie war damals also die FDP die Partei, die Sie "am wenigsten schlecht" fanden?

Hamm-Brücher: Wissen Sie, in den 40er Jahren konnte man das doch noch gar nicht abwägen. Man hatte keine Zeitung, kannte keine Parteiengeschichte, keine Führungspersonen. Ich lernte 1946 den damaligen Kultusminister Württemberg-Badens kennen, Theodor Heuss. Er war ein Ur-Demokrat, der für eine freie, humanistische Demokratie im Gegenteil zu einer sozialistischen oder klerikalen eintrat. Es war einfach das Wort "Freiheit", das mich nach der Diktatur in besonderer Weise passioniert hat.

"Demokratie, das sind wir alle. Zeitzeugen berichten", hrsg. v. Hildegard Hamm-Brücher und Norbert Schreiber, 232 Seiten, Sandmann Verlag, 19,95 €.

ZUR PERSON

Hildegard Brücher, 1921 in Essen geboren, wuchs in Berlin auf. Ein Internat musste sie verlassen, weil ihre Großmutter Jüdin war. Sie hat zwei Kinder mit dem 2008 verstorbenen CSU-Politiker Erwin Hamm. Hamm-Brücher war 20 Jahre im FDP-Bundesvorstand und vier Jahre stellvertretende Partei-Chefin. 1976 bis 1982 war sie Staatsministerin im Auswärtigen Amt. 1994 kandidierte sie für das Amt der Bundespräsidentin.jkl