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Die Beziehung ist kühl geworden

Paris. Heute feiern Deutschland und Frankreich ihre 50-jährige Freundschaft. Eine Freundschaft, die mitunter von Konflikten geprägt war - und es aktuell auch ist: Denn die Euro-Krise stellt das deutsch-französische Verhältnis auf eine harte Probe Von SZ-Mitarbeiterin Birgit Holzer

Paris. Heute feiern Deutschland und Frankreich ihre 50-jährige Freundschaft. Eine Freundschaft, die mitunter von Konflikten geprägt war - und es aktuell auch ist: Denn die Euro-Krise stellt das deutsch-französische Verhältnis auf eine harte Probe. Während sich Nicolas Sarkozy noch an der Seite der starken Angela Merkel profilieren wollte, geht der Sozialist François Hollande bewusst auf Distanz. "Merkollande" hat sich nicht durchgesetzt. Wollten viele Journalisten ihr beliebtes Wortspiel "Merkozy", ein Wink auf das demonstrativ gemeinsame Auftreten von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy in der Euro-Schuldenkrise, auch nach der Wahl von François Hollande fortführen, so erkannten sie bald, dass die Fusion der Namen der Wirklichkeit nicht entsprechen würde.Hollande hatte sich bereits im Wahlkampf von Merkel, "Merkozy" und der ständigen Präsentation von Deutschland als wirtschaftlichem Vorzeige-Modell abgesetzt. Zugleich knüpfte er engere Bande mit der sozialdemokratischen Opposition in Berlin, zumal Merkel seine Besuchs-Anfrage damals kühl unbeantwortet ließ. Obwohl beiden Politikern charakterliche Ähnlichkeiten nachgesagt werden wie eine ruhige Gelassenheit und ein hintergründiger Humor, hielt der Sozialist auch nach seinem Amtsantritt im Mai professionelle Distanz. "Sie ist klar, sie spricht die Dinge aus. So gewinnt man Zeit. Und ich gehe genauso vor", antwortete er auf die Frage, was er an Merkel schätze - kein enthusiastisches Freundschafts-Bekenntnis, wenn er auch stets den Willen zu einer konstruktiven Zusammenarbeit betont.



Allerdings spricht sich Hollande für ein Ende der deutsch-französischen Exklusivität auf europäischer Ebene aus und eine Öffnung für andere Länder. Französische Medien interpretierten seine Annäherung an die spanischen und italienischen Kollegen Mariano Rajoy und Mario Monti als Versuch, sich an die Spitze der "Südländer-Fraktion" gegenüber den von Deutschland angeführten "Nordländern" zu setzen. Mehr Schritte hin zu einer Wirtschafts- und Währungsunion auf EU-Ebene über die bestehenden Verträge hinaus, so erklärte Frankreich, sei erst möglich im Einklang mit mehr Solidarität.

Ob Streitigkeiten in der Frage der Bankenunion, unterschiedliche Wege in der Energiepolitik oder das abweichende Abstimmungsverhalten beim Antrag Palästinas auf einen Beobachter-Status in der Uno - die vom Élysée-Vertrag anvisierte grundsätzliche Abstimmung in allen wichtigen Fragen findet nicht statt. So selbstverständlich im Alltag zusammengearbeitet wird, so überwiegen in der öffentlichen Wahrnehmung doch die Differenzen zwischen Deutschland und Frankreich. Hollande nimmt das wohl aus innenpolitischen Gründen bewusst in Kauf.

Vor seinen verunsicherten Landsleuten will er für ein selbstbewusstes Frankreich stehen, obwohl es im wirtschaftlichen Vergleich mit Deutschland zunehmend abfällt und die Bemühungen der Regierung, den Haushalt wieder in den Griff zu bekommen, scharf beobachtet werden. Als es im November hieß, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble habe die Wirtschaftsweisen zu Reformvorschlägen für Frankreich angeregt, kam das äußerst schlecht an. Man bangt um die Augenhöhe mit dem Nachbarn, die so wichtig ist für eine gleichberechtigte Partnerschaft.