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DGB-Tochter "Weitblick" ohne Mindestlohn

Saarbrücken/Neunkirchen. Seit 2010 ist der flächendeckende Mindestlohn von 8,50 Euro offizielle Beschlusslage beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Dessen Vorsitzender Michael Sommer hat diese Forderung erst diese Woche wieder bei Gesprächen mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und deren SPD-Herausforderer Peer Steinbrück unterstrichen Von SZ-Redakteur Michael Jungmann

Saarbrücken/Neunkirchen. Seit 2010 ist der flächendeckende Mindestlohn von 8,50 Euro offizielle Beschlusslage beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Dessen Vorsitzender Michael Sommer hat diese Forderung erst diese Woche wieder bei Gesprächen mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und deren SPD-Herausforderer Peer Steinbrück unterstrichen. Doch in den eigenen DGB-Reihen scheint die Mindestlohn-Forderung von 8,50 Euro noch nicht überall angekommen zu sein. In der Saarbrücker Straße in Neunkirchen residiert die Firma "Weitblick Personalpartner Saar", die seit Jahren im Geschäft mit der Zeitarbeit aktiv ist. "Weitblick" ist eine Tochterfirma des "bfw - Unternehmen für Bildung des DGB" mit Zentrale in Erkrath (Nordrhein-Westfalen).Fakt ist, dass der Neunkircher Personaldienstleister mit DGB-Wurzeln noch am Donnerstagabend "flexible" Teilzeitkräfte als Kassiererinnen in Supermärkten, schwerpunktmäßig für Freitag und Samstag, in der Jobbörse der Arbeitsagentur im Internet suchte. Als Vergütung wurde in dem Stellenangebot (Referenznummer 1000-1091764970-S) ein Stundenlohn von 7,89 Euro angegeben. Offenbar erst nach gezielten Anfragen von Journalisten und einer ersten Online-Veröffentlichung ("Junge Welt") war am Freitag kein Zugriff auf dieses Angebot mehr möglich.


Werner Schäfer, Prokurist bei bfw und "Weitblick"-Bereichsleiter, war um Schadensbegrenzung bemüht. Der angegebene Stundenlohn sei falsch. Schäfer: "Wir zahlen Tarif!" Gemeint ist der Tarifvertrag, den die Interessengemeinschaft Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ) mit Einzelgewerkschaften abgeschlossen hat. Für den Einzelhandel werden damit in der Lohngruppe eins genau 8,19 Euro gezahlt, also immer noch deutlich unter dem geforderten Mindestlohn von 8,50 Euro.

Schäfer verkündet dann angesichts der aufziehenden Turbulenzen um die "Weitblick"-Löhne eine deutliche Anhebung der bisherigen Stundensätze. Im Klartext: Die DGB-Tochter zahlt ab 2013 den Mindestlohn, den der DGB seit 2010 verlangt. Schäfer wörtlich gegenüber unserer Zeitung: "Wir sind dabei. Wir haben diesen politischen Anspruch. Ab Januar zahlen wir 8,50 Euro die Stunde. Da halten wir uns dran. Das kostet jetzt unser Geld."

Etwa 170 Beschäftigte, die der Neunkircher Personaldienstleister an angeblich elf Real-Märkte im Saarland und Rheinland-Pfalz verleiht, können sich demnach über eine spontane Lohnerhöhung freuen.

DGB-Sprecher Klaus Harbers bestätigte am Freitag auf Anfrage die Lohnerhöhung: "Abweichend vom IGZ-Tarifvertrag erhalten die Beschäftigten ab diesem Jahr mindestens 8,50 Euro." Das Stellenangebot in der Jobbörse sei nicht mehr aktuell.



Meinung

Anspruch und Wirklichkeit

Von SZ-RedakteurMichael Jungmann

Ein klassisches Eigentor haben sich die DGB-Verantwortlichen ins Netz gesetzt. Die Gewerkschaft selbst hatte in der sonst eher ungeliebten Zeitarbeitsbranche offenbar gutes Geld verdient. Insofern klaffte bislang eine deutliche Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Wenn ausgerechnet eine Tochterfirma des Gewerkschaftsriesen "attraktive Arbeitsplätze" für karge 7,89 Euro die Stunde anbietet und damit die DGB-Mindestlohnforderung offenbar über Jahre hinweg ignoriert, fällt es schwer, an ein Versehen zu glauben. Hier waren wohl eher Vorsatz und Profitstreben im Spiel. Oder weiß beim DGB die linke Hand nicht, was die rechte tut?