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Deutsche wissen, was sie an der Bundesrepublik haben

Berlin. Spätestens seit der Fußball-WM vor drei Jahren ist klar, dass sich die Deutschen gern mit dem eigenen Land identifizieren und ein unverkrampftes Verhältnis zu nationalen Symbolen pflegen Von SZ-Korrespondent Stefan Vetter

Berlin. Spätestens seit der Fußball-WM vor drei Jahren ist klar, dass sich die Deutschen gern mit dem eigenen Land identifizieren und ein unverkrampftes Verhältnis zu nationalen Symbolen pflegen. Eine repräsentative Umfrage von Infratest-Dimap im Auftrag der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, die im März unter knapp 1300 Wahlberechtigten durchgeführt wurde, untermauert diese allgemeine Gefühlslage. 90 Prozent aller wahlberechtigten Deutschen betrachten demnach die sechs Jahrzehnte Bundesrepublik als eine Erfolgsgeschichte. Zwei Drittel sind sogar stolz beziehungsweise ziemlich stolz auf ihr Heimatland. Dieses positive Ergebnis habe ihn "selbst überrascht", meinte der Stiftungsvorsitzende und ehemalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen, Bernhard Vogel (CDU), am Freitag bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Immerhin geben 94 Prozent aller Befragten an, gern in Deutschland zu leben. 92 Prozent sagen, die Bundesrepublik sei ein sozialer Staat. Und 89 Prozent finden, dass es sich lohnt, Deutschland zu verteidigen. Auf das Grundgesetz, das in diesem Jahr ebenfalls seinen 60. Geburtstag feiert, sind 73 Prozent der Deutschen sehr beziehungsweise ziemlich stolz. Dennoch tickt der Osten zum Teil immer noch anders als der Westen. Während 69 Prozent der Altbundesbürger angeben, stolz auf die Bundesrepublik zu sein, sagen das zwischen Rügen und Thüringen nur 57 Prozent. Ein vergleichbares Gefälle ergibt sich auch bei der These, dass die Einkommensunterschiede möglichst gering sein sollen. 47 Prozent der Ostdeutschen halten diese Aussage wohl aus DDR-Erfahrung für besonders wichtig. Im Westen stimmen dem nur 37 Prozent zu. Um neun Prozentpunkte höher fällt auch die Zustimmung in den neuen Ländern zu einer möglichst umfassenden sozialen Absicherung aus. Sie wird von 66 Prozent der Ostdeutschen für besonders wichtig gehalten. Erwartungsgemäß hat allerdings das Bedürfnis nach sozialer Sicherheit auch im Westen zugenommen. Dafür sorgt die gegenwärtige Wirtschaftskrise. Bei der gleichen Befragung vor vier Jahren hielten es lediglich 27 Prozent der Westdeutschen für besonders wichtig, dass sich der Staat um einen sozialen Ausgleich in der Marktwirtschaft kümmern müsse. Nach der jüngsten Erhebung glauben das nun 43 Prozent. Vor diesem Hintergrund erklärt es sich auch, dass das Urteil über den deutschen Sozialstaat am Ende sehr ambivalent ausfällt: Fast alle Bundesbürger meinen zwar, in einem Sozialstaat zu leben, aber nur 73 Prozent finden, dass es darin gerecht zugeht. Eine interessante Differenzierung lässt sich auch feststellen, wenn der Stolz auf Deutschland nach der individuellen Parteienpräferenz gewichtet wird. Die Spanne reicht von 84 Prozent der Unionsanhänger, die Stolz auf die Bundesrepublik empfinden, bis zu lediglich 39 Prozent von den Anhängern der Linkspartei, die genauso denken. Unter den Sympathisanten der Grünen sind immerhin 58 Prozent stolz auf ihr Land. Fazit: Die oft zitierte DDR-Nostalgie ist kaum identisch mit einer Unzufriedenheit über die Verhältnisse in der Bundesrepublik. Demokratische Werte genießen in Ost und West ein hohes Ansehen. Insgesamt betrachten die Deutschen ihr Land sicher nicht als Paradies. Aber sie wissen, was sie an der Bundesrepublik haben. Im 60. Jahr ihres Bestehens ist das zweifellos ein Kompliment.