Der zynische Häuslebauer

Der zynische Häuslebauer

Bonn

Bonn. Das Künstlerfoto, das der voluminöse Katalogeinband zeigt, erinnert mehr an einen melancholischen Hausmeister denn an Thomas Schütte oder an das, was man sich unter einem seit Jahren höchst erfolgreichen deutschen Avantgardekünstler vielleicht vorstellt: ein blauer Blouson, ein (klein-)kariertes Hemd, im Hintergrund Blattpflanzen auf der Fensterbank, er lustlos gescheitelt und in neudeutscher Denkerpose.

Doch wer derzeit die größten Raumbereiche der Bonner Bundeskunsthalle betritt, begegnet einem Künstler, der in vielerlei Hinsicht nach dem Grundsatz "Think big" ans Werk geht und ein ästhetischer Fallensteller und -bauer(!) höchster Güte sein muss. Erst vor Kurzem ist der 1954 in Oldenburg geborene Schütte, der in den 70ern bei Gerhard Richter und Fritz Schwegler an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte, mit dem Düsseldorfer Kunstpreis ausgezeichnet worden. Von Kassel über Venedig (wo er bei der Biennale 2005 mit dem Goldenen Löwen geehrt wurde) bis New York lässt das Ausstellungsverzeichnis wenig Wichtiges aus.

In Bonn wird nun eine fulminante Werkschau geboten, die klein bei der puppengroßen, schrundig patinierten Bronze "Mann im Matsch" beginnt und groß mit einer ganz anderen 5,80-Meter-hohen "Mann im Matsch"-Version endet. Letztere allerdings zeigt ein Monstrum aus Styropor und Gips, einen ausdruckslos Suchenden mit einer Wünschelrute vor dem Oberkörper, der unterhalb der Knie im Matsch steckt.

Auch wenn Schütte vornehmlich durch figurative Skulpturen und Knetmännchen bekannt wurde, die ihn mitunter unter Kitschverdacht stellten: Schüttes künstlerische Arbeit ist seit Beginn geprägt von architektonischen Modellen, oft ganzen Bausätzen, in denen kleine Figuren verharren: bisweilen wurden diese Häuschen sogar bewohnbar 1:1 realisiert. Andererseits durchzieht das Spiel zwischen Klein und Groß, zwischen Modell und Realisierung, zwischen Kunst als Modell und Modell als Kunst das Gesamtwerk. Schütte äußerte einmal: "Nur aus dem Fenster schauen und abfriemeln, was man draußen sieht." Er ist ein zugleich bieder bis kitschig-kleinkariert vorgehender Bastler, mit einem andererseits hochzynisch filternden und genial verfremdenden Blick auf die Wirklichkeit - also ein Moralist und Häuslebauer der besonderen Art. Ob nun eine bauhäuslerische "Tanke Deutschland" in gelben Bauteilen und getöntem Acrylglas oder ein "Berg" aus karg-schroffem Kunststoff-Fels, täuschend echt modelliert mit einem Caspar-David-Friedrich-Kreuz und Tunneleinfahrt mit "One-Way-Ticket" (weil ohne Ausfahrt auf der Rückseite).

Insgesamt sind 60 Arbeiten zu sehen, vor allem Architekturmodelle und -ansichten sowie begehbare Rauminstallationen, darunter etwa seine anlässlich des Nato-Doppelbeschlusses entstandenen Bunkermodelle oder ein Grabmal mit Wartehäuschen auf der Rückseite. Als hintergründige Konstruktionen aus Stahlträgern, Plexiglas- oder Pressspanplatten erweisen sich sein begehbares "Ferienhaus für Terroristen", ein "Model für ein Hotel", das "One Man House".

All dies ist brauchbar, aber völlig lebensuntauglich, womit Schütte an die Fundamente einer innerlich unbehausten Gesellschaft geht: Wohnst du noch oder lebst du schon? In seinen Modellen oder seinen Grafiken zum Phänomen "Museum" fehlen nie Kamin und Schlot: damit die Kunst sauber verheizt werden kann.

Bis 1.11. Di, Mi: 10 bis 21 Uhr, Do bis So:10 bis 19 Uhr.