Der Wortmetz in seiner Einsiedelei

Der Wortmetz in seiner Einsiedelei

Er ist keiner, der sich seinen Lesern leicht erschließt. Und doch gehört Arno Schmidt zu den großen deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts. Er entzog sich der Welt, doch weltfremd war er nie.

Es gibt sie, diese Bücher, die mitunter das gesamte restliche Schaffen eines Autors überstrahlen. Wie "Zettels Traum" von Arno Schmidt. Kaum eine Erwähnung Schmidts kommt um diesen regalbretterbiegenden Moloch von einem Buch herum. Sechs Kilo schwer und groß wie zwei übereinander gestapelte Aktenordner - schon physisch eine kaum zu bewältigende Last beim Lesen. Schmidt erzählt hier auf 1334 großformatigen Seiten einen einzigen Tag, an dem die Protagonisten eigentlich nichts tun, als über die Heide zu wandern und über Edgar Allen Poe zu sprechen. Dreispaltig ist das Ganze. Und dazu kaum lesbar.

Aber vielleicht wollte Schmidt genau das: Sich aus seinem Werk eine Mauer errichten. So wie er sich in seiner Einsiedelei in Bargfeld in der Lüneburger Heide hinter Stacheldraht und hohen Hecken verschanzte. So wie er sich zeitlebens dem Literaturbetrieb verweigerte. So wie er sich überhaupt der Gesellschaft der Menschen entzog, nur wenige zu sich vordringen ließ. "Schmidt ist ein Autor, der manche Leser verschreckt und manche Leser unterwirft", schrieb sein Förderer Jan-Philipp Reemtsma einmal. Am Ende zählte für Schmidt nur das Werk: "Das Werk also funkelt: den schäbigen Rest, den Autor selbst nämlich, besieht man sich besser nicht!"

Schmidt war nie ein Autor für die Massen, wollte es wohl nie sein, auch wenn er selbst - Bescheidenheit war nicht seine Stärke - sicher war, dass er ein Werk von Weltrang erschaffen würde. Doch wer sich hineintraut in dieses Werk, "Zettels Traum" gleich beiseitelegt, den lässt dieser Schmidt schwer wieder los. Wie er sich an Alltäglichstem abarbeitet, Metapher um Metapher aus dem Schnödesten ableitet, bis aus der Prosa Poesie wird, das hat bisher wohl kein anderer in der deutschen Literatur geschafft. Der bärbeißige Herrscher über sein kleines Bargfelder Häuschen strotzt in seiner Literatur nur so von Humor. Schmidts Protagonisten, wie er immer ein wenig Bildungssnob, haben aber gleichzeitig auch nie den Kalauer gescheut. Er erdachte mit "KAFF oder auch Mare Crisium", das in der Heide und auf dem Mond spielt, die ländliche Science-Fiction, handelte sich für "Seenlandschaft mit Pocahontas" 1955 eine Klage wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften ein. Denn so abgeschottet er lebte - auch während der vier Jahre, die er im pfälzischen Kastel hoch oben über der Saar verbrachte - so scharf war schon früh seine Kritik an der Wirklichkeit des aufrüstenden Wirtschaftswunders Konrad Adenauers. Er mochte mit der Welt gefremdelt haben, weltfremd aber war er nie.

Heute wäre Schmidt, der seit seinem Tod 1979 im Garten seines Hauses in Bargfeld begraben liegt, 100 Jahre alt geworden. Endlich ein Anlass, ihm wieder ein wenig Platz zu machen, im Pantheon neben den anderen Großen des 20. Jahrhunderts. Verdient hätte er es, nur gewollt wohl nicht: "Wenn ich tot bin, mir soll mal einer mit Auferstehung oder so kommen: ich hau ihm Eine rein!"

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