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Der Wieselflinke hat zugelangt

 Billy Cobham am Freitagabend hinter seiner Schießbude in St. Ingbert. Foto: Uwe Bellhäuser
Billy Cobham am Freitagabend hinter seiner Schießbude in St. Ingbert. Foto: Uwe Bellhäuser FOTO: Uwe Bellhäuser
St Ingbert. Nach dem eher verhaltenen Start am Donnerstag ist das 28. Internationale St. Ingberter Jazzfestival zum Wochenende in Fahrt gekommen: Die Stadthalle war gut besucht, und die Begeisterungswogen schlugen hoch. Woran lag's? Kerstin Krämer,Stefan Uhrmacher (beide SZ)

Vor dem sehnsüchtig erwarteten Altstar Billy Cobham gehörte das Podium am Freitag zunächst dem Schlagzeuger und Komponisten Emil Brandqvist und seinem Trio. Für die Skandinavier musste man eine ausgeprägt meditative Ader besitzen: Brandqvist ist ein Feinarbeiter am Set, seine typische Gangart sind federleichte Rhythmen in ruhigen Tempi. Unter Überschriften wie "Sunrise" und "Sunset" zeichneten Brandqvist, Pianist Tuomas Turunen und Kontrabassist Max Thornberg lyrische Stimmungsgemälde. Mit nahezu poppigen Themen und allerlei Klassik-Reminiszenzen, namentlich an die romantische Epoche, glich ihre mit mancherlei Längen behaftete Musik nicht selten dem Soundtrack zu einem melodramatischen Film - und bei einigen hier auch nicht fehlenden Aufwallungen konnte Brandqvist denn doch kerniger zulangen.

Ein laues Lüftchen war das freilich im Vergleich zur Phonorgie von Billy Cobham und Band: Zur "70th Birthday Anniversary Tour" war man auf Nostalgie gefasst. Von der experimentellen Jazzrock-Frische aus Cobhams Zeit beim Mahavishnu Orchestra in den 1970-ern war hier jedoch leider wenig zu spüren, vielmehr verirrte sich der Jubilar in aufgedonnerte Mainstream-Fusion aus den 80er Jahren. Alle Klischees waren reichlich vorhanden - sämig verzerrt jubelnde Gitarre (Jean-Marie Ecay) und mehr als genug Keyboardwolken in synthetischen 08/15-Farben (Camelia Ben Naceur; Christophe Cravero, auch Geige). Agil wie eh und je gab Billy Cobham den wieselflinken Muskelprotz: Die bulligen Sounds seiner Trommeln ließen die Dielen wackeln, der Kick der Bassdrum grenzte an Körperverletzung. Derlei Cobham-Power zeigte Wirkung: Beim ausgedehnten Schlagzeugsolo der lebenden Legende genügten schon einzelne brachiale Knüffe, um die Fans jubeln zu lassen.

Als Abend der Gegensätze präsentierte sich auch der Samstag. Dessen Ausklang bestritt das deutsch-brasilianische "Bossarenova-Trio", vor dem nichts sicher schien - weder Lieder aus Schumanns "Dichterliebe" oder Glucks "Orpheus", kein "Blackbird" von den Beatles und schon gar nichts Einschlägiges von Antonio Carlos Jobim und Co: Sängerin Paula Morelenbaum, Trompeter und Flügelhornist Joo Kraus und Pianist Ralf Schmid verquirlten Samba- und Bossanova-Hits mit Pop und klassischer Liedkunst und ergänzten diese verblüffend stimmige Melange mit elektronischen Klängen zu einem hippen Weltmusik-Sound für die Loungeparty. Die effektgeschwängerten Beats kamen vom Keyboard oder wurden von Crossover-Fex Kraus, der mitunter erstaunlich unsauber intonierte, organisch per Beatboxing und Loopgerät erzeugt. Ein Spagat zwischen Melancholie und Samba-Fieber, zwischen E-Musik und HipHop - doch gelangen die intensivsten Momente, wenn die drei auf Spielereien verzichteten.

Ein Hang zu Modernismen ist indes das Allerletzte, was man den vier Herren in Anzug und Fliege vorwerfen könnte, die den Samstag eröffneten: Ihr "Internationaler Stride Piano Summit" bot mit einem Zeitsprung in die 20er bis 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts reine Tradition - mehr Retro geht nicht. Mit beträchtlichem Spielwitz huldigten die vier Klaviervirtuosen Mike Lipkins, Bernd Lhotzky, Louis Mazetier und Chris Hopkins solo oder in wechselnden Duo-Formationen an zwei Flügeln dem Stride-Piano-Stil, einer in Harlem entstandenen Spielart des Ragtime, und kreuzten schon mal kess Beethovens "Für Elise" mit Dave Brubecks "Take Five". Auch nach diesem liebenswert altmodischen und launig moderierten Auftritt toste der Applaus.