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Mazedonien-Streit
Ein Name wird zur Schicksalsfrage

SKOPJE In Deutschland war es am letzten Sonntag nur eine knappe Nachricht, zumal Mazedonien gerade mal so groß ist wie Brandenburg. Von Werner Kolhoff

Für Europa aber kann das Scheitern der Volksabstimmung über die Änderung des Staatsnamens noch schmerzhaft werden. Geht es doch letztendlich um die Frage, was aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens wird. Nicht ohne Grund waren kurz vor der Abstimmung Angela Merkel und viele andere EU-Politiker nach Skopje gereist. Das kleine Land ist ein wichtiger Dominostein – auch im Poker mit Russland.


„Es geht um Wohlstand oder Chaos, um politische Stabilität oder Unsicherheit.“ So beschreibt Vizepremier Bujar Osmani die Lage. „Es wird für uns keine zweite Chance geben.“ Der Mann, Vertreter der albanischen Minderheit in der Reformkoalition, ist enttäuscht darüber, dass nur 36 Prozent der angeblich 1,8 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben haben. Damit ist das erforderliche Quorum von 50 Prozent Wahlbeteiligung offiziell nicht erreicht und das klare Ergebnis – 91,5 Prozent für die Umbenennung in „Republik Nord-Mazedonien“ – wenig wert. Die Boykottkampagne der nationalkonservativen Opposition, angeführt von Staatspräsident Gjorge Ivanov, war erfolgreich.

Der Konflikt ist ein Lehrbeispiel für die zerstörerische Rolle des Nationalismus in der Region. Kern des Problems ist Griechenland, denn der weit nach Norden reichende Landstrich Mazedonien beginnt dort. Er ist griechischer Urmythos. Athen hatte dem Staat Mazedonien schon nach dessen Gründung 1991 den Namen verwehrt, so dass er sich bei der Uno „frühere jugoslawische Republik Mazedonien“ nennen muss.



Die ersehnte Nato-Mitgliedschaft scheiterte 2008 am Athener Veto, genau wie EU-Beitrittsverhandlungen. An der Grenze müssen sich Mazedonier bis heute erniedrigende Schikanen gefallen lassen, nur wegen des Kennzeichens „MK“. Die EU hat diesem griechischen Chauvinismus nie Einhalt geboten. Im Gegenzug begann auch die frühere konservative Regierung in Skopje 2008 mit Geschichtskult. Die Hauptstadt ist seitdem gepflastert mit Statuen des Makedonier-Fürsten Alexander der Große und seines Vaters Philipp II.

Erst der mazedonische Sozialdemokrat Zoran Zaev und der griechische Linkssozialist Alexis Tsipras fanden im Frühsommer einen Kompromiss, freilich einen, der für die Mazedonier schmerzlich ist. „Nord-Mazedonien“ soll sich das Land künftig nennen. Es soll auch seine Institutionen umtaufen, den Mazedonischen Rundfunk etwa oder die Akademie der Künste. Dann erst gibt es das griechische Okay zu EU-Beitrittsverhandlungen. Viele Mazedonier empfanden das als Schmach, der sie ihr Ja nicht geben wollten.

Jetzt spricht Vizepremier Osmani von der letzten Chance für Jahrzehnte. Da ist was dran. Denn auch in Griechenland gibt es scharfen Widerstand gegen den Kompromiss. Das Athener Parlament muss ebenfalls noch zustimmen. Im nächsten Jahr sind dort Neuwahlen, die Mehrheiten dann womöglich anders. Noch gibt Zaev das Spiel nicht verloren; das Referendum war ohnehin nicht bindend. Nur das Parlament kann den Namen mit Zweidrittelmehrheit in der Verfassung ändern, und das will der Premier versuchen. Acht Abweichler aus dem Oppositionslager braucht er dafür; er dürfte „Geschäfte“ anbieten. Falls das nicht klappt, erwägt Zaev Neuwahlen. Das Ganze ist auch ein innenpolitischer Poker.

Scheitert der EU-Beitrittsprozess aber in Mazedonien endgültig, dann wird er auch für Albanien schwerer, für das die Verhandlungen bald beginnen sollen. Denn es gibt Ketteneffekte. Die bisher in West-Mazedonien lebende albanische Minderheit dürfte dann versucht sein, sich Albanien anzuschließen, um in die EU zu kommen. Schon hätte man den nächsten Konflikt. Derzeit steht Mazedonien auf unerträgliche Weise still. Wie der ganze Balkan.