Der schwierige Afrikaner

Der schwierige Afrikaner

„Senghor“, das neue Programm der Saarbrücker Künstlergruppe Die Redner, war am Freitag im Saarbrücker Römerkastell erstmals zu sehen. Eine bunte, musikalisch virtuose Assoziations-Reise zu einem Poeten und Politiker, der seinerzeit umstritten war.

"Ich weiß nicht, was Ihr davon jetzt verstanden habt", sagte Gitarrist Christian Kögel scherzhaft am Ende von "Senghor". Aber das Verstehen, ob nun von mehr oder auch weniger, war kaum wichtig - packend war das jüngste Programm der Künstlergruppe Die Redner so oder so.

Die Reise beginnt am 22. September 1968 in der Paulskirche in Frankfurt: Dort zeichnet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels den Poeten und Politiker Léopold Sédar Senghor mit dem Friedenspreis aus; gleichzeitig toben vor der Kirche Proteste, denn so anerkannt der Afrikaner (1906-2001) für seine Gedichte ist, so umstritten ist er als autoritärer erster Präsident des Senegal. Seine Frankfurter Rede, bei der Saarbrücker Show zu hören und an die Leinwand projiziert, setzt den Kolonialklischees eines kulturlosen Afrikas das Selbstverständnis der "négritude" entgegen, ein Bekenntnis zur Tradition afrikanischer Kultur: Beginn einer Assoziationskette, die uns Fotos und Zeitungsschlagzeilen der Proteste zeigt, Bilder aus dem Geburtshaus von Senghor; seine wunderbar raunenden Gedichte erklingen. Eine flotte Montage mit komischen Seiten. Redner Florian Penner liest in antiker "Tagesschau"-Kulisse Nachrichten, bevor er hinüberschaltet zu Redner-Kollege und Schlagzeuger Oliver Strauch, der als Korrespondent vor der Paulskirche steht - das hat ein bisschen was von der "heute-show"; zwischendurch spricht ein projizierter Georg Mitterstieler vom Staatstheater Novalis (Senghor war ein Freund deutscher Romantik), filmisch geht es in den Senegal und auch in deutsche Schrebergärten.

Ein schmerzlicher Moment: Man sieht den dritten Kopf der Redner, den im Oktober 2013 tödlich verunglückten Claas Willeke, der an "Senghor" noch mitkomponiert hatte, wie er in der Paulskirche umhergeht und musiziert. Penner und Strauch begleiten die Bilder vor der Leinwand. Für die Beiden wird das ein schwerer Gang gewesen sein.

Musikalisch ist "Senghor" virtuos. Drummer Strauch, Penner am Bass und ihre Gäste Timo Görlich (Trompete) und Gitarrist Christian Kögel spannen einen Bogen zwischen Jazz, Funk und Rock, afrikanische Elemente fließen ein, manchmal glaubt man aus der Ferne auch Herb Alpert & Tijuana Brass zu hören. Am Ende hat ausgerechnet eine Revolverschnauze Ladehemmung: Daniel Cohn-Bendit, der Senghor 1968 bei den Protesten indirekt mit Hitler verglichen hatte, gab den Rednern zwar jetzt ein Interview, sagte aber wenig. Eigentlich sei das "ja im Mittelalter" passiert, hört man ihn ausweichen, quasi noch "vor meiner Geburt".