Der richtige Geruch lässt Kinder besser lernen

Düfte stärken das Gedächtnis : Dufte Lernhilfe für unser Gehirn

Gerüche helfen dem Gedächtnis. Schon Schulkinder können davon profitieren, zeigt eine Studie der Uni Freiburg.

Ein gutes Gedächtnis ist wichtig. Doch immer wieder lässt es uns im Stich. Oft sogar trotz intensiver Vorbereitungen, zum Beispiel bei Prüfungen. Warum das so ist und wie unser Gehirn Informationen verarbeitet, ist trotz jahrelanger Forschung nur in kleinen Teilen bekannt. Allerdings hat eine Studentin, Franziska Neumann, im Rahmen ihrer Abschlussarbeit an der Universität Freiburg kürzlich entdeckt, wie ein Mensch sein Gedächtnis gezielt beeinflussen und Gelerntes leichter wieder abrufen kann.

„Unser Gehirn ist in verschiedene Areale gegliedert, die unterschiedliche Aufgabenschwerpunkte haben. Vereinfacht funktioniert unser Gehirn wie die Speicher eines Computers“, erklärt Jürgen Kornmeier, Leiter der Forschungsgruppe Wahrnehmung und Kognition im Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie (IGPP) und Mentor von Franziska Neumann. „Die Informationen, die wir im Laufe des Tages aufnehmen, parken wir zunächst in unserem Kurzzeitspeicher, dem sogenannten Hippocampus. Über Nacht, während wir schlafen, sortiert das Gehirn dann die Erlebnisse in wichtig und unwichtig. Was es für wichtig befindet, wird im Schlaf reaktiviert, damit es in den Langzeitspeicher, den Kortex, übertragen werden kann.“ Der Kortex ist damit quasi die Festplatte unseres Gehirns. Jürgen Kornmeier: „Auf die Erfahrungen und das Wissen, die dort landen, können wir später immer wieder zugreifen. Leider laufen die Entscheidungsprozesse, was das Gehirn dauerhaft abspeichert und was nicht, unbewusst ab. Wie toll wäre es, wenn wir beeinflussen könnten, was wir uns merken?“

Sich zu erinnern und Wissen anzuwenden fällt nicht immer leicht. Vor allem in Stresssituationen leiden Menschen zudem oft unter Gedächtnislücken. Jeder kennt aber auch wundersame Erlebnisse, wie plötzlich klar und deutlich vor dem inneren Auge auftauchende Bilder. Ausgelöst werden sie oft durch vertraute Geräusch oder Gerüche.

„In unbewussten Prozessen ordnet das Gehirn Dinge einander zu und verknüpft sie. Dadurch entstehen Déjà-vu-Effekte“, erläutert Kornmeier. „Verschiedene Studien zeigen insbesondere die Verbindung von Erinnerungen mit Gerüchen.“ So belegen Untersuchungen, dass ein Duft unter Umständen genutzt werden kann, um dem Gehirn zu signalisieren: diese Information ist wichtig. Der entscheidende Trick besteht darin, diesen Duft ins Schlafzimmer zu tragen. Dort aktiviert er im Schlaf die unbewusst verknüpften Lerninhalte und fördert so, dass das Gehirn sie in seinen Langzeitspeicher überträgt. Der Duft dient dem Gehirn quasi als Hilfe bei der Entscheidung, was wichtig ist und was nicht.

Als Franziska Neumann für ihren Studienabschluss einen bekannten Test zu nächtlichen Verarbeitungsprozessen im Gehirn nachahmen wollte, entdeckte sie, dass Duftstoffe auch unter alltäglichen Bedingungen das Lernen im Schlaf verbessern. Bisher war unbekannt gewesen, dass jeder Mensch diesen Lerntrick zu Hause ohne großen Aufwand nutzen kann.

In Neumanns Experiment legten Kinder einer sechsten Klasse Rosenduft-Stäbchen auf ihre Schreibtische, während sie Englischvokabeln lernten und in der Nacht auch neben ihre Betten. In einem weiteren Studienschritt lagen die Duftstäbchen zudem während eines Vokabeltests auf den Schultischen. Als Neumann die Ergebnisse auswertete, zeigten diejenigen Kinder die größten Erfolge, die Rosenduft sowohl während des Lernens als auch während des Schlafens gerochen hatten. Beim Vokabeltest regte der Duft den Gedächtnisinhalt offenbar zusätzlich an und förderte die Erinnerung. Düfte scheinen die Abrufbarkeit von Gelerntem also zu erleichtern.

Auch auf unser Wohlbefinden und unsere allgemeinen Leistungen wirken sich Düfte aus. Wo es stinkt, ist niemand gerne, das ist klar. Aber angenehme Gerüche können unser Tun grundsätzlich positiv verstärken, etwa die Motivation, Konzentration, Kommunikation oder unsere Entspannung und Erholung. „Düfte sind wichtige Raumelemente, die unsere Arbeit und das Stresslevel stark beeinflussen“, sagt Yue Pan, die am Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) über Raumpsychologie forscht. So macht Zimt-Vanille-Duft nicht nur gute Laune, sondern unterstützt auch die Kreativität, Zitronen- und Orangenaroma hellen die Stimmung auf, fördern die Konzentration und helfen so zum Beispiel Fehler im Diktat zu vermeiden. Gegen Müdigkeit wirkt Pfefferminz, Lavendel und Rosmarin, wobei Frauen und Männer etwas unterschiedlich reagieren. Lavendel weckt eher Frauen, Pfefferminz Männer auf.

„Düfte können genau wie Licht, Farben und Geräusche punktuell genutzt werden, um Räume zu charakterisieren, Stimmungen zu erzeugen und bestimmte Leistungen zu fördern. Allerdings sollten die Gerüche nicht zu stark sein und nur gezielt, also nicht permanent eingesetzt werden“, erklärt Pan. Wenn sich Menschen in einem Bereich länger aufhalten, fühlen sich die meisten wohler, wenn dieser Ort geruchsneutral ist. Vielleicht, weil unser Unterbewusstsein nicht nur reagiert, sondern auch ahnt, wie manipulativ Düfte sein können. So maskieren bei vielen Zahnärzten Lavendel, Zitrone oder Orange den normalen, oft angstauslösenden Praxisgeruch. Kaufhäuser und manche Unternehmen nutzen Gerüche um die Kauflust der Kunden und ihre Bindung an bestimmte Marken zu fördern.

Warum Düfte uns so stark beeinflussen, erklärt wahrscheinlich die menschliche Evolution. „Unser Kortex, also die Region im Gehirn, die für das Langzeitgedächtnis zuständig ist, hat sich vermutlich aus dem Riech-Hirn entwickelt“ sagt Neurowissenschaftler Kornmeier. „Unsere Nase ist deshalb direkt mit dem Kortex verbunden. Gerüche können daher unbewusste Erinnerungsreisen auslösen. Das funktioniert übrigens in jedem Alter und fast jeder Situation, nicht nur bei Schülern und Vokabeln.“ Ob Düfte auch zur allgemeinen Gedächtnisförderung taugen, ist allerdings noch nicht geklärt. Auch noch unbekannt ist, welche Düfte besonders als Gedächtnisstütze geeignet sind. Sicher ist nur, dass das Verankern einzelner Ereignisse im Kortex über unsere Nasen und den Schlaf gut funktioniert. Für entspannte Lernerfolge sollte der eingesetzte Duft aber idealerweise angenehm und der Schlaf lang genug sein, damit die Festplatte im Gehirn auch ausreichend bespielt werden kann.