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„Der Puritaner in uns verhindert die Rebellion“

Kapitalismus und stetig steigender Konsum haben uns nicht glücklicher gemacht. Aber warum huldigen wir dennoch einer Ideologie des „Immer mehr“? Das Buch eines Wirtschaftsjournalisten sucht nach Antworten. Von SZ-Mitarbeiter Christoph Schreiner

Wenn ausgerechnet ein ehemals leitender Redakteur des Wirtschaftsmagazins "Capital" und Ex-Geschäftsführer der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) ein Buch unter dem Titel "Vielleicht will der Kapitalismus gar nicht, dass wir glücklich sind" vorlegt, sind die Erwartungen hoch: Liefert uns hier ein geläuterter, langjähriger Verfechter des Wirtschaftsliberalismus eine umso fundiertere Kapitalismuskritik aus erster Hand? Oder ist dieser Max Höfer doch nur einer dieser System-Aussteiger, die geschäfts-trächtig auf den Zug der entsetzlich in Mode gekommenen Bekenntnisbücher aufspringen?

Nein, Höfer hat tatsächlich ein Anliegen: Über Jahre hinweg hat er gesehen und erkannt, dass der Kapitalismus uns trotz gestiegenen Wohlstands nicht zufriedener gemacht hat. Seine daraus folgende Frage ist: Warum kommen wir dennoch nicht von der "Immer-mehr-Ideologie" los? Immer mehr Wachstum, Konsum, Selbstdarstellungsdrang, immer mehr Bluff. Warum?

Höfers Antworten greifen letztlich zu kurz. Gebetsmühlenartig führt er, um die Ursachen unserer heutigen Unzufriedenheit zu erklären, den fatalen Einfluss der puritanischen Lehren Johannes Calvins (1509-64) ins Feld und folgt dabei im Wesentlichen der 1904 verfassten, doch zeitlos aktuellen "Kritik der protestantischen Leistungsethik" des Soziologen Max Weber (1864-1920). Webers "Berufsmensch" sieht den Sinn seines Daseins in der Optimierung seiner Arbeitsleistung und hat jene "innerweltliche Askese" (extremer Fleiß, notorische Genussferne, bedingungsloses Nutzenkalkül) verinnerlicht, die Calvin predigte. Der Homo oeconomicus heute mit seinem durchorganisierten Leben ist quasi nur der Erbe und Apologet jener alten puritanischen Imperative. Worauf Höfer hinaus will, verdeutlicht er mit dem Verweis auf H.L. Menckens Puritanismus-Definition: Dieser bedeute nichts anderes als die "quälende Angst, dass irgendwo irgendjemand glücklich sein könnte". Kurzum: Wir leben in glücksfernen Zeiten, weil wir Opfer einer alle Lebensbereiche erfassenden Effizienzhaltung (Selbstbild, Körperkult, Sport- und Freizeitgestaltung) und Ökonomisierung von Gefühlen geworden sind.

Aber widerspricht nicht der heutige exzessive Hedonismus Höfers ganz im Zeichen der Folgen des Puritanismus stehender Gesellschaftsanalyse? Nicht unbedingt: Höfer zufolge (er bezieht sich auf Positionen des französischen Philosophen Pascal Bruckner) hat der aus der 68er-Gegenkultur stammende Wunsch nach Erlebnisintensität und Authentizität der Konsumindustrie inzwischen einen unermesslich großen, neuen Markt beschert, dessen Produkte uns längst zur zweiten Natur geworden sind: Medien und Werbung suggerieren, dass wir uns ständig neu erfinden sollen - ohne dass wir dieses "romantische Selbst" je erreichen. Das führe jedoch nicht zur Aufgabe konsumgetriebener Selbstinszenierungen, sondern begünstige eher eine Kultur des Bluffens. Diese verlangt, "dass jeder so tun muss, als er sei erfolgreich und immer gut drauf".

So interessant die kulturhistorische Einbettung seiner Gegenwartsanalyse ist, Höfer vermag aus ihr am Ende nur wenig geistiges Kapital zu ziehen. Er plädiert (wie tausendfach gehört) dafür, das Leben zu entschleunigen und Glück in der Selbstbeschränkung zu suchen und politisch die nach wie vor als sankrosankt geltende Wachstumslogik zugunsten kontrollierter Schrumpfung und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit aufzugeben. Höfers Antwort, warum wir das bestehende System weiter stützen, greift zu kurz: "Der Puritaner in uns verhindert die Rebellion." Je länger man dieses gut gemeinte Buch liest, umso mehr zeigt sich: Es krankt daran, dass dem Wirtschaftsjournalisten Höfer das analytische Potenzial fehlt, um Gesellschaftsphänomene differenzierter zu erklären. Weshalb er Gewährsleute benötigt, deren soziologische und psychologische Befunde er zitiert, um eigene Erkenntnis-Platitüden aufzuwerten.

Max Höfer: Vielleicht will der Kapitalismus gar nicht, dass wir glücklich sind. Knaus Verlag, 256 Seiten, 19,99 Euro.