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Der Porsche-Crash

Meinung. Der Wirtschaftskrimi um die geplante Übernahme von VW durch Porsche hat zwei Hintergrund-Melodien: eine ernste in Moll, eine flotte in Dur. Erst herrschte in Wolfsburg Melancholie, weil Porsche-Chef Wendelin Wiedeking allzu forsch auf die Pauke schlug; jetzt spielen die Stuttgarter den Blues, weil sich das Blatt mit einem furiosen Tremolo gewendet hat Von Bernard Bernarding

Der Wirtschaftskrimi um die geplante Übernahme von VW durch Porsche hat zwei Hintergrund-Melodien: eine ernste in Moll, eine flotte in Dur. Erst herrschte in Wolfsburg Melancholie, weil Porsche-Chef Wendelin Wiedeking allzu forsch auf die Pauke schlug; jetzt spielen die Stuttgarter den Blues, weil sich das Blatt mit einem furiosen Tremolo gewendet hat. Der Fall ist spektakulär, denn er hat alles, was ein Thriller braucht: Machtstreben und Geldgier, Taktik und Tricks, Intrigen und Kabalen. Verblüffend sind die Parallelen zum Fall Schaeffler/Conti, auch Daimler/Chrysler taugt zum Vergleich: Am Anfang steht die Großmannssucht einer mächtigen Persönlichkeit, die noch größer und bedeutender werden möchte und deshalb vom Big Deal träumt. Hat sich die fixe Idee erst einmal festgesetzt, wird sie konsequent verfolgt - und jeder Bedenkenträger zum Querulanten gestempelt. Läuft aber nicht alles nach Plan, wartet am Ende häufig das Desaster. So war es bei Daimler, so war es bei Schaeffler, so ist es nun bei Porsche. Die Dramaturgie könnte aus Hollywood stammen, auch deshalb ist das Publikum fasziniert. Die Sympathien liegen wohl eher bei Volkswagen, obwohl dieses Mammut-Unternehmen nicht unbedingt ein Darling der Deutschen ist. Aber das Werk ist etwas Besonderes, es hat Identität gestiftet. Mit VW verbindet sich das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit, es ist ein Stück Deutschland. Schon psychologisch war die Vorstellung schwierig, dass Porsche, das Statussymbol für Geldadel, Halbweltler und Halbstarke, den tatsächlichen "Volkswagen" schlucken könnte. Oder dass ein selbstherrlicher Maestro (Wiedeking) den Wolfsburger Malochern den Takt vorgeben sollte. Umso größer ist nun die Genugtuung, dass sich Porsche verzockt hat. Der Triumph von VW ist auch ein Triumph der kleinen Leute, vielleicht sogar ein Sieg über das "System" des wölfischen Kapitalismus, der keine Grenzen akzeptieren will. Sicher, es waren starke Kräfte nötig, um den Porsche-Coup zu verhindern: das VW-Gesetz, das sich als segensreich erwiesen hat; die Finanzkrise, die die schwäbischen Spekulanten zur Vollbremsung zwang; und natürlich Porsche-Miteigentümer und VW-Aufseher Ferdinand Piëch. Wiedeking hat das Rennen um die Macht in Wolfsburg auch deshalb verloren, weil er das intellektuelle Drehmoment des cleveren Strategen Piëch falsch berechnet hat. Es ist gut so, wenn nun vermutlich der seriöse VW-Chef Martin Winterkorn ans Steuer eines vereinten Konzerns kommt. Und nicht ein Raser wie Wiedeking, der nur die Überholspur kennt.