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Der Pokerspieler

Von den sanften deutsch-griechischen Tönen gestern Abend sollte sich niemand täuschen lassen. Es waren zwar Zeichen der Entspannung. Aber nicht der Entwarnung. Für den Ouzo danach ist es noch viel zu früh. Werner Kolhoff

Zumal - die Kanzlerin hatte das schon im Vorfeld des Tsipras-Besuchs deutlich gemacht - Deutschland gar nicht der Partner in der Euro-Frage ist und damit auch nicht der böse Bube. In Berlin kann man reden. Verhandelt wird in Brüssel.

Im Grunde steht man nach den völlig überflüssigen Eskapaden der neuen halbstarken Athener Regierung jetzt wieder da, wo man schon lange war: Die Europäer werfen die Griechen nicht aus dem Euro, sondern warten noch einmal ab, ob sie ihre Versprechungen nicht doch erfüllen. Es ist eine Geduldsprobe, der ein gewisses Eigeninteresse zugrunde liegt. Denn niemand weiß, was passiert, wenn der Euro an dieser Sollbruchstelle einen Knacks bekommt. Zerfällt er dann ganz? Alexis Tsipras kann deshalb sogar auf ein drittes, letztes Rettungspaket hoffen, so sehr das auch momentan noch dementiert wird. Dass er darum pokert, sollte man ihm nicht übel nehmen.

Andererseits kann der Grieche den Bogen nicht endlos überdehnen, auch nicht bei den verbalen Zumutungen gegen den Hauptgeldgeber Deutschland. Angela Merkel hat das ihrem Gast sehr deutlich gemacht, und der hat es zugestanden. Das Gift ist damit etwas raus aus dem strapazierten Verhältnis. Jetzt geht es wieder um die Sache.

In der griechischen Gesellschaft herrscht seit vielen Jahren eine im Grunde korrupte Grundstruktur. Motto: Wenn jeder sich bedient, ist allen gedient. Aufgeblähter Staatsapparat und allgemeine Steuerverweigerung inklusive. Dafür wurden die Parteien gewählt, das haben sie geliefert. Europa verlangt nun ausgerechnet vom linken Premier Tsipras, was die konservative Vorgänger-Regierung nicht geleistet hat: dass er diesen gesellschaftlichen Deal schnell und konsequent aufkündigt, nicht nur an ein paar symbolischen Punkten. Dass er mit grundlegenden Reformen ernst macht.

Es ist die Quadratur des hellenischen Kreises. Nicht nur, weil das Kapital flüchtet, sobald Tsipras die Reichen endlich zur Finanzierung des Staates mit heranzieht. Sondern auch, weil der neue Regierungschef abgewählt zu werden droht, sobald er Europas Vorgaben bei den Staatsausgaben zu erfüllen versucht. Gestern Abend, in der Höhle der Löwin, hat der Grieche trotzdem wieder versprochen, die Verpflichtungen einzuhalten. So wie es auch seine Vorgänger zugesichert haben. Mehr als zweifelhaft bleibt, ob er das auch umsetzen kann. Und gerade wegen der hässlichen Töne der vergangenen Wochen fragt sich bei Tsipras sogar, ob er es wirklich will.