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Der Kopf als Dampfkochtopf

Saarbrücken. Wortstark wie in einer neapolitanischen Küche ging es am Samstag zu auf der Bühne des Saarländischen Staatstheaters. Im Mittelpunkt: Toni und Peppe Servillo, die beiden Helden im Gastspiel des Piccolo Teatro di Milano. Kathrin Werno

Gibt es eine Statistik, wie viele Worte in ein rund zweistündiges Theaterstück passen? "Innere Stimmen" von Eduardo de Filippo würde bestimmt weit vorne liegen. Unglaublich, in welcher Geschwindigkeit und mit welchem Stakkato hier die Dialoge über die Bühne fliegen, noch unglaublicher, mit welcher Natürlichkeit das geschieht. Als ob man geradewegs in einer neapolitanischen Küche zwischen Maccaroni und selbstgemachter Seife gelandet sei. Ist das noch Spiel oder schlicht und ergreifend italienisches Temperament in Szene gesetzt? Egal. Die Kraft der Sprache, Melodie, Gestik und Mimik ist so enorm, dass ein durchschnittliches deutsches Gemüt da nicht immer mitkommt. Der Blick auf die deutschen Übertitel wird seltener, um in dem Sprachen-Clash zu baden. Würde Don Alberto seine wortgewaltige Anklage gegen einen richten, würde man sicher gleich höchstselbst aus dem Publikum heraus den Mord an Aniello Amitrano gestehen. Ein Mord , für den es bereits fünf Verdächtige gibt. Ein Mord , der aber gar keiner ist, weil Aniello krank bei seiner Tante im Bett liegt. Gleichwohl sind die Bilder - ein einzelner Schuh, ein blutiges Hemd, ein nasser Fleck an der Wand -, die mit Hilfe der Sprache heraufbeschworen werden, so stark, dass dieser Mord doch stattgefunden haben muss!

Ein verschlagenes Brüderpaar löst die Verdächtigungen aus - gespielt ebenfalls von zwei genialen Schauspieler-Brüdern: Toni Servillo, der auch Regie führt und durch seine Darstellung im Oscar-prämierten Film "La Grande Bellezza" bekannt ist, und Peppe Servillo, ein in Italien populärer Sänger. Ihre Performance krönte das starke Gastspiel des Piccolo Teatro aus Mailand, das im Rahmen der interregionalen Netzwerkarbeit von "Total Théâtre" ermöglicht wurde.

Der Autor Eduardo di Filippo schrieb seine Komödie, bei der einem das Lachen im Halse stecken bleibt, 1948. Auch in Italien waren das schwierige Nachkriegsjahre, in denen Misstrauen, Ausweglosigkeit, mangelndes Selbstbewusstsein und Unsicherheit darüber, was noch wirklich und was eingebildet ist, auf der Tagesordnung standen. So leiden alle Protagonisten unter einer gewissen Paranoia, die darin gipfelt, dass eine ganze Familie sich gegenseitig eines Mordes bezichtigt, der eigentlich nur ein Traum war. Und die Redewendung, dass man jemanden "tot quatschen" kann, bekommt bei diesem wunderbaren Ensemble eine ganz neue Bedeutung.