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Der Körper-Forscher

Saarbrücken/Berlin. Mitunter tut man gut daran, nicht jedes Info-Kästchen auf einer Homepage zu öffnen. Hätte man die maskierten Nackten und die japanischen Fesselungs-Nummern gesehen, vielleicht würde man Felix Ruckert (49) dann nicht so unbefangen gegenüber treten. Dafür muss man in einen Fabrikhallen-Hinterhof, bis nach Wedding raus Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Saarbrücken/Berlin. Mitunter tut man gut daran, nicht jedes Info-Kästchen auf einer Homepage zu öffnen. Hätte man die maskierten Nackten und die japanischen Fesselungs-Nummern gesehen, vielleicht würde man Felix Ruckert (49) dann nicht so unbefangen gegenüber treten. Dafür muss man in einen Fabrikhallen-Hinterhof, bis nach Wedding raus. Dort hat der Ex-Pina-Bausch-Tänzer Ruckert vor zwei Jahren auf 500 wandlosen Quadratmetern sein eigenes Kreativ-Zentrum gegründet: Wohnzimmer, Atelier, Ballettsaal, Performance-Bühne, Workshop-Forum und Party-Club in einem. Ein Ort für "Schwellenerlebnisse" in einer avantgardistischen oder auch nur dubios-befremdlichen Grauzone zwischen Perfomance, Happening, und, jawohl: Sado-Maso-Praktiken.



Immer schon hat sich Ruckert in seinen Stücken mit Sexualität und Intimität, mit Macht und Unterwerfung befasst. In "Hautnah" - 1998 in Forbach gezeigt - richtete er eine Art Tanz-Bordell ein, ließ in Einzelkabinen je einen Tänzer vor einem "Kunden" auftreten. In "Deluxejoypilot" (2002) verwandelte er den Carreau-Keller in einen Zuschauer-Massage-Salon. Er ist ein Körper- und Sinnlichkeits-Forscher, ein Konventionen-Sprenger, hat wenig am Hut mit dekorativer, perfekter Theatralität. "Der Prozess ist spannender als das Produkt", sagt er.

20 Jahre lang war er, insbesondere auf Vermittlung des Goethe-Instituts, zwischen Brasilien und Australien unterwegs, hat mit inhomogenen, multikulturellen Gruppen gearbeitet. Die Überwindung von Barrieren und Fremdheit reizt ihn eben. Heute sucht er "statt der Bewegung das Innehalten", will zu "subtileren, komplexeren Wahrnehmungsebenen" vorstoßen. Versammelt Dozenten-Kollegen für Fotokunst, Neo-Tantra, Yoga oder kreative Sexualität um sich: "In der Schwelle 7 geht das Zeigen und Produzieren ineinander über." Das Leben wohl auch. Mit verschiebbaren Leinwand-Stellwänden baut er nicht nur Kurs- und Vorführungs-Räume, sondern auch Zimmer für Gäste. Unaufwendigkeit und Durchlässigkeit als ästhetisches und mentales Prinzip: Alles fließt, auch Ruckerts federnder Gang, seine weiten Klamotten, seine weiche Stimme. "Räume haben eine Wirkung und eine eigene Kraft", sagt er, um seinen Perspectives-Beitrag zu erklären und stellt sich mal kurz auf den Couchtisch - voilà, eine Bühne. Er wird einen fiktiven Stadtführer spielen, eine subjektive Geschichte zu seinen Haltepunkten erfinden und sich dort eine Spielsituation schaffen. Ganz im Vertrauen auf seine Ausstrahlung. Präsenz, Aufmerksamkeit, Anmut machen für ihn Tanz aus.

Die Macht der Orte

"Ich ermögliche, dass den Zuschauern etwas Spannendes widerfährt. Ich habe keine historischen Kentnisse, aber ein Gespür für Orte und ihren Ausdruck." Ruckerts improvisatorische Ad-hoc-Tanz-Kunst ist gefährdet durch Beliebigkeit und Undurchschaubarkeit. Er kennt dieses Risiko, aber er ist zugleich überzeugt von der Magie der Collage, der Zufalls-Kombinationen. So hält er zwar Kontakt zu seinen Berliner Star-Kolleginnen Constanza Macras und Meg Stuart - beide schon bei Perspectives zu Gast -, aber lieber noch schaut er sich die Jüngeren an. Weil die Etablierten - mit Ausnahme vielleicht von William Forsythe - ihre Marktnische gefunden haben und dafür in steter Reproduktion ihr Tanz-Produkt herstellen. Choreografie-Fabrik-Chef - für einen wie Ruckert wäre das wohl eine Art Beerdigungs-Job.

Termine: Stadtpromenade "Le pouvoir de l'espace": 5. Juni (17 Uhr), 6. Juni (15 und 18 Uhr). Treffpunkt St. Johanner Markt, K4 Forum, Tel. (06 81) 379 83 60.