Der Kauz ist auferstanden

Der Kauz ist auferstanden

Sechsmal ließ Wolf Haas seinen Simon Brenner ermitteln, dann segnete der kauzige Ex-Polizist in "Das ewige Leben" (2004) das Zeitliche. Möglicherweise war es auch nur Brenners Erzähler-Freund, der da mit einem vierhundertfachen "ding" seinen Geist aufgab; so ganz ließ sich das bei Haas nie auseinander halten

Sechsmal ließ Wolf Haas seinen Simon Brenner ermitteln, dann segnete der kauzige Ex-Polizist in "Das ewige Leben" (2004) das Zeitliche. Möglicherweise war es auch nur Brenners Erzähler-Freund, der da mit einem vierhundertfachen "ding" seinen Geist aufgab; so ganz ließ sich das bei Haas nie auseinander halten. Im Kino ist Brenner in der Gestalt von Josef Hader jedenfalls mopsfidel. Jetzt ist, um den klassischen Eröffnungssatz zu zitieren (der diesmal allerdings fehlt), schon wieder was passiert: Brenner lebt. Arthur Conan Doyle hat einst, von wütenden Lesern und seinem leeren Konto bedrängt, seinen Sherlock Holmes auch von den Toten auferstehen lassen. Für Haas gab es eigentlich keine Notwendigkeit: Sein erster Nicht-Brenner, "Das Wetter vor fünfzehn Jahren", war bei Publikum und Kritik ein Erfolg. Dennoch hat er jetzt aus alter Anhänglichkeit alle notariell hinterlegten Schwüre vergessen und seine Kultfigur wiederbelebt.

Brenner ist, auch unter dem Einfluss von Psychopharmaka, ruhiger geworden, seit er mit einer Kugel im Kopf in die Freud-Klinik eingeliefert wurde. "Ich persönlich", verrät er, "schau heute lieber auf die positiven Seiten des Lebens. Nicht immer nur tschingbumm, und wer jetzt wem eine Kugel, ein Messer, ein Stromkabel, was weiß ich nicht alles." Da ist er wieder, hinreißend komisch und virtuoser denn je, jener unverwechselbare Sound, mit dem der gelernte Linguist und Werbetexter Haas den Kriminalfall zur Neben- und die Sprache zur Hauptsache macht: Die elliptischen Sätze ohne Verben, das Passepartout "ding", die Wortneuschöpfungen aus dem Geiste eines morbiden Wiener Schmähs wie Testgauner, Wanderwut, Ewigkeitsmücken oder Herzschlagzeuger, der zum Tiefsinn "aufgepudelte" Nonsense ("Für das Klima bin ich schon zu alt"), die kunstfertige grammatische Schlamperei und vor allem die intime, direkte Leser-Ansprache: Frag jetzt nicht... Pass auf... Ob du es glaubst oder nicht...

Also pass auf: Der Brenner hat seinen Detektivjob an den Nagel gehängt und ist Chauffeur bei dem Münchner Baulöwen Kressdorf geworden. Ob du es glaubst oder nicht: Dem Kressdorf seine Frau leitet eine Abtreibungsklinik in Wien. Frag jetzt nicht, wie das Paar seine Fernbeziehung organisiert. "Herr Simon", wie Brenner neuerdings gerufen wird, kutschiert jedenfalls ihr Kind, die zweijährige Natalie, zwischen München und Wien hin und her. Als er in einer Tankstelle eine Tafel Schokolade für seinen kleinen Liebling holen will, ist Natalie verschwunden, und der Kinderverlierer hat ein Problem mit den Eltern, der Polizei und der Südtirolerin. Aber du darfst eines nicht vergessen: Der Kressdorf und die Abtreibungsärztin hatten viele Feinde: Die Kampfbeter und Rosenkranzrowdys von Knolls Verein "Proleben", Geschäftsfreunde wie Obersenatsrat Stachl und Bankdirektor Reinhard. Eh du dich umschaust, macht es halt doch tschingbumm: Messer, Kugel, Senkgrube und so weiter. Aus ist es mit Brenners neuer Ruhe. Einmal begegnet er sogar dem lieben Gott. Aber du darfst eines nicht vergessen: Wer bis zum Hals in der Scheiße steckt, hat schon mal komische Nahtoderlebnisse. Aber interessant. Brenner löst den Fall quasi im "detektivischen Halbschlaf", und das ist auch besser so. "Genau so wie zu helles Licht für die die Augen schädlich ist, ist auch das zu wache Hirn gar nicht gut für die Gedanken."

In "Das Wetter vor fünfzehn Jahren" bandelte Haas auf seine verquere Art mit einer Literaturkritikerin an. Das hat der Brenner beim lieben Gott nicht nötig. Krimis werden von der Literaturkritik zwar immer noch stiefmütterlich behandelt, aber der siebte Brenner ist vielleicht der beste von allen und steht deshalb auch schon wieder auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis.

Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott. Hoffmann und Campe, 224 S., 18,90 €