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Der IS verliert seinen strategischen Kopf

Abu Mohammed al-Adnani soll Drahtzieher der Pariser Anschläge gewesen sein. Foto: Dabiq/dpa
Abu Mohammed al-Adnani soll Drahtzieher der Pariser Anschläge gewesen sein. Foto: Dabiq/dpa FOTO: Dabiq/dpa
Kairo. Fünf Millionen Dollar hatten die USA auf den Kopf von Abu Mohammed al-Adnani ausgesetzt. Ob der Propaganda-Chef der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in der nordsyrischen Provinz Aleppo nun durch eine US-Drohne oder - wie Moskau behauptet - durch einen russischen Militärschlag starb, bleibt vorerst unklar. Vom IS selbst bestätigt ist dagegen der Tod seines zweitwichtigsten Führers. Birgit Cerha

Adnanis Bedeutung für den IS kann kaum überschätzt werden. US-Geheimdienstkreise machen ihn unter anderem für die Koordinierung und Kontrolle der Anschläge von Paris im vorigen Jahr verantwortlich. Ein in Deutschland inhaftierter IS-Aktivist berichtete jüngst in der "New York Times", wie Adnani bei monatlichen Treffen Dschihadis für den Kampf in Syrien und im Irak motivierte, wie er als Drahtzieher von Terrorangriffen weltweit fungierte. Der Syrer sei "der große Mann hinter allem".


Weil IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi meist schweigt und sich nur sehr selten öffentlich zeigt, wurde der wortgewaltige Adnani zunehmend zu Gesicht und Stimme des IS. Durch sein diabolisches Charisma und sein Organisationstalent verstand er es, Zehntausende junge Menschen aus der ganzen Welt in das vom IS kontrollierte syrisch-irakische Territorium zu locken. Adnani, 1977 in der syrischen Provinz Idlib in eine bitterarme Familie geboren, wandte sich schon als Jugendlicher intensiv dem Islam-Studium zu. Später konzentrierte er sich, beeinflusst von radikalen Salafisten-Geistlichen, auf Schriften über islamisches Recht, Dschihad und den Kampf gegen "Ungläubige". Drei Mal saß er in Syrien im Gefängnis. Wie Bagdadi zählte er zu den wenigen überlebenden Gründern des IS-Vorläufers "Al-Qaida im Irak". Nach der Freilassung aus einem von US-Militärs geführten Gefängnis konzentrierte sich Adnani auf den Neuaufbau des Terror-Netzwerks, 2014 wurde er Chef der Propaganda-Abteilung des IS. Zugleich fungierte er als Kopf eines internationalen Geflechts verschiedener Geheimdienste.

Die Internet-Propaganda mit stets neuen schockierenden Videos über Enthauptungen, Massenmorde, Tötung von Gefangenen durch Kinder entsprang seinem Konzept. Zuletzt zeigte sich der furchtbare Effekt seiner Hetzreden auf gewaltbereite Menschen, als er "einsame Wölfe" in Europa zu einer Welle des Terrors im Ramadan aufrief. Damit machte Adnani den islamischen Fastenmonat zum blutigsten der jüngsten Geschichte. Diese Art von Terror hat für den IS zentrale Bedeutung, zumal sein Kerngebiet drastisch schrumpft.

Führer von Terror-Organisationen sind meist ersetzbar. Trifft es aber effiziente Strategen, dann verschwindet auch ein wertvoller Fundus an Erfahrungen. Mit Adnani verliert der IS zudem einen Propagandisten mit hoher Überzeugungskraft. Zu einem Zeitpunkt, da die Zahl der Dschihadis dramatisch abnimmt, ist das ein schwerer Rückschlag. Die "wahre Niederlage", sagte Adnani einmal, sei nicht der Tod eines Führers, sondern der Verlust des Willens und des Wunsches zu kämpfen.