| 20:34 Uhr

Amokfahrt mit drei Toten
Der Horror in der guten Stube von Münster

Der Platz vor dem Kiepenkerl in Münster, kurz nachdem dort ein Fahrzeug in ein Straßencafé gefahren war.
Der Platz vor dem Kiepenkerl in Münster, kurz nachdem dort ein Fahrzeug in ein Straßencafé gefahren war. FOTO: dpa / Stephan R.
Münster. Der Platz vor dem Kiepenkerl ist ein Ort gutbürgerlicher Gemütlichkeit. Am Samstag wurde er zum Ziel einer Amokfahrt.

Es ist ein bewegendes Bild. Mitarbeiter der Gaststätte „Großer Kiepenkerl“ legen am Sonntag Blumen nieder und stellen eine Kerze auf. Einige weinen und nehmen sich in den Arm. Neben ihnen ragt der bronzene Kiepenkerl auf, ein Wahrzeichen Münsters. Seit diesem Samstag steht die Figur des fahrenden Händlers mit Tragekorb, Pfeife und Stock nicht mehr nur für westfälische Folklore, sondern auch für eine tödliche Amokfahrt. Unmittelbar vor dem Standbild hat ein Mann einen Campingbus in eine Menschenmenge gesteuert. Zwei Menschen wurden getötet, mehr als 20 verletzt. Der Täter hat sich anschließend erschossen. Er war wohl psychisch labil.


Wenn man einen Ort auswählen müsste, der die Essenz gutbürgerlicher deutscher Gemütlichkeit vermittelt, dann könnte das der Platz am Kiepenkerl sein. Wie an einer Perlenkette reihen sich hier die Giebelhäuser auf. Etwas weiter geht die Straße in den Prinzipalmarkt über, „Münsters gute Stube“. Er kenne den Tatort sehr gut, sagt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) bei seinem Besuch am gestrigen Sonntag: „Ich habe als erstes gedacht: Ein schrecklicher Anschlag an einem Ort, an dem ich selbst schon gesessen habe. Und in dem Moment erinnert man sich genau daran und denkt, es hätte jeden treffen können.“ Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), der ebenfalls vor Ort ist, sagt: „Dieses feige und brutale Verbrechen hat uns alle sehr betroffen gemacht.“

Rückblende: Der Platz vor dem Kiepenkerl-Standbild am Samstagnachmittag. Wer draußen noch einen Platz ergattert hat, kann sich glücklich schätzen. Es ist der erste richtig warme Frühlingstag, alle wollen in der Sonne sitzen. Die Uhr zeigt 15.27 Uhr – Kaffee-und-Kuchen-Zeit – als es passiert. Für die Menschen auf dem Platz muss es gekommen sein wie ein Meteoriteneinschlag.



Handy-Fotos vom Tatort: Der silberfarbene Campingbus steht zwischen Stühlen und Tischen, Menschen helfen sich vom Boden auf. Der Horror in der guten Stube. „Erste Bilder und Nachrichten aus Münster brechen mir das Herz“, twittert Jan Josef Liefers, der Professor Boerne aus dem Münster-„Tatort“. Die Stadt sei „einer der friedlichsten und freundlichsten Orte“, die er kenne.

Jennifer Bäumer ist gerade auf dem Weg zum Dienst, als ihr Handy klingelt. Eine Freundin will wissen, was mit ihrem Freund ist – er arbeitet doch im „Kleinen Kiepenkerl“, gleich dort, wo es passiert ist! Zum Glück kann Jennifer schnell aufatmen: Ihm ist nichts passiert.

Unmittelbar nach der Tat denken viele an einen islamistischen Terroranschlag. Die Bilder aus Nizza, Berlin und London haben sich eingebrannt. Dort und an anderen Orten waren islamistische Attentäter mit Fahrzeugen in Menschenmengen gerast. Doch noch am Samstagnachmittag wird deutlich, dass es sich bei dem Täter wohl nicht um einen Terroristen handelt. Es gebe „keinerlei Hinweise auf einen politischen Hintergrund“, bestätigt Polizeipräsident Hajo Kuhlisch. Der Täter ist ein 48 Jahre alter gebürtigen Sauerländer, der in Münster gewohnt hat. Er soll psychische Probleme gehabt haben, auch eine Art schriftlich verfasste Lebensbeichte liegt vor. Schuldkomplexe, Zusammenbrüche – auch das Gesundheitsamt hatte schon Kontakt zu dem Mann, der wegen kleinerer Delikte auch polizeibekannt war.

Es hat etwas Verstörendes, dass jemand nur ein schweres Verbrechen begehen muss, und schon ist ihm binnen Minuten weltweite Aufmerksamkeit sicher. Eben darum, so sagen Psychologen, gehe es manchen Menschen, die einen „erweiterten Suizid“ begehen. Sie wollen andere mit in den Tod reißen, um ihr Leben nicht dort zu beenden, wo sie es geführt haben: am Rand der Gesellschaft.

Münster ist am Samstag jedenfalls schlagartig Top News. Donald Trump bete für die Opfer, teilt das Weiße Haus mit. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nutzt den Vorfall für einen verbalen Angriff auf Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, der zuvor Vertreter einer syrischen Kurdenmiliz empfangen hat: „Da, Ihr seht doch, was die Terroristen in Deutschland machen, oder?“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht allen sein „tiefes Mitgefühl“ aus, „die einen geliebten Menschen verloren haben und in tiefer Sorge sind“. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verspricht derweil: „Es wird jetzt alles Denkbare zur Aufklärung der Tat und zur Unterstützung der Opfer und ihrer Angehörigen getan.“

Erschütterung, Trauer und Fassungslosigkeit sind die vorherrschenden Gefühle nach der Tat.  Dabei war das Thema Sicherheit in letzter Zeit durchaus präsent: Im Mai ist die 300 000-Einwohner-Stadt Schauplatz des Katholikentags mit vielen tausend Besuchern. Der Schlossplatz, auf dem die Großveranstaltungen stattfinden, soll dafür mit Pollern gegen Lastwagen geschützt werden. Für die engen Altstadtgassen allerdings gibt es keine solchen Planungen.

Aus Münster kommen an diesem Wochenende aber auch Bilder der Mitmenschlichkeit. Vor der Uniklinik steht eine lange Schlange wartender Menschen – sie alle folgen einem Aufruf zum Blutspenden. „Beispiellos“, sagt eine Kliniksprecherin. Am Sonntagabend besuchen mehr als 1500 Menschen einen bewegenden Gottesdienst im Dom von Münster, im Gedenken an die Opfer. Wie kann eine Stadt den Schock nach einem solchen Verbrechen verkraften? Vielleicht am Besten, indem sie still gedenkt und dann genauso weiterlebt wie vorher. „Münster, bleib wie Du warst“, schreibt „Tatort“-Kommissar Axel Prahl auf Facebook, „und wie wir Dich lieben: offen, friedlich, freundlich, stark und stolz“.

Kurz nach der Tat sicherten bewaffnete Polizisten die Innenstadt von Münster. Zunächst hatte Vieles auf einen Terroranschlag hingedeutet.
Kurz nach der Tat sicherten bewaffnete Polizisten die Innenstadt von Münster. Zunächst hatte Vieles auf einen Terroranschlag hingedeutet. FOTO: dpa / Bernd Thissen
(dpa)