Der Heroismus der Hoffnung

Der Heroismus der Hoffnung

Berlin. Mario Wirz kommt vom Arzt, wieder mal. In der Radiologie stand eine Computertomographie seiner "verzickten Lymphe" an, sagt der Berliner Schriftsteller. Er nimmt die vielen Arztbesuche hin, ist die Medizin doch auch Grund für sein Überleben bis heute. Im November 1985, kurz vor seinem 29. Geburtstag, erfuhr er von seiner HIV-Infektion

Berlin. Mario Wirz kommt vom Arzt, wieder mal. In der Radiologie stand eine Computertomographie seiner "verzickten Lymphe" an, sagt der Berliner Schriftsteller. Er nimmt die vielen Arztbesuche hin, ist die Medizin doch auch Grund für sein Überleben bis heute. Im November 1985, kurz vor seinem 29. Geburtstag, erfuhr er von seiner HIV-Infektion. Neben Medikamenten waren vor allem "die Liebe und die Literatur immer die Geländer, an denen ich mich festhielt", sagt er. Gerade ist im Aufbau Verlag Wirz' neues Buch "Vorübergehend unsterblich" erschienen. In seinen Büchern beschreibt Wirz sein Leben und den immerwährenden Kampf darum — kraftvoll wie nachdenklich, nicht ohne Ironie und Mut zum Pathos, aber ohne Selbstmitleid. Auch in seinen neuen Gedichten. Wirz, Jahrgang 1956, wuchs in der hessischen Provinz auf. 1976 zog er zur Schauspielausbildung nach Berlin, wo er sich seit den 80ern als freier Schriftsteller durchschlägt. Die HIV-Diagnose reißt ihn aus dem Drehbuch seiner Wünsche und Hoffnungen. Er versinkt in "Depression, Apathie und Angst", sagt er rückblickend. In seiner kleinen Wohnung in Neukölln dämmert er vor sich hin. In die Öffentlichkeit wagt sich Wirz erst nach einem zweijährigen Briefwechsel mit dem Filmemacher und Schwulen-Aktivisten Rosa von Praunheim, den er 1989 kennen lernt. Täglich schreiben sie sich, Praunheim kritisiert Wirz in seinem "Elfenbeinturm der Angst". 1995 erschien der Briefwechsel unter dem Titel "Folge dem Fieber und tanze". Ein Jahr zuvor erkrankt Wirz an Lymphdrüsenkrebs. "Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon viele Jahre alle düsteren Prognosen überlebt", erinnert er sich. "Es gab eine Bereitschaft in mir, den Tod anzunehmen. Aber die Chemotherapie vertrieb den Krebs." Auch auf die zweite Krebsdiagnose vor zwei Jahren antwortet der in mehrere Sprachen übersetzte Autor schreibend und mit dem "Heroismus der Hoffnung", wie er es nennt. In seiner Lyrik, die zwischen Schwermut und Übermut entsteht, feiert er das Leben. ddp