Der Guru im Haifischbecken

Der Guru im Haifischbecken

Saarbrücken. Als Dichter, Bildhauer und Maler ist er heute zu Recht vergessen; seine Eurythmie und seine Mysterienspiele sind nur für Eingeweihte Offenbarungen

Saarbrücken. Als Dichter, Bildhauer und Maler ist er heute zu Recht vergessen; seine Eurythmie und seine Mysterienspiele sind nur für Eingeweihte Offenbarungen. Aber in fast allen anderen Disziplinen hat Rudolf Steiner, ausgestattet mit universaler Bildung, kosmischem Ordnungswillen und einem starkem Sendungsbewusstsein, viel Großes gedacht und Schönes entworfen; selbst um so kleine Dinge wie die Etiketten für Weleda-Kopfschmerztabletten kümmerte der Meister sich persönlich, wie die große Steiner-Ausstellung im Stuttgarter Kunstmuseum gerade zeigt. Was Steiner in 400 Bänden und 5000 Vorträgen über Esoterisches wie Atlantis und Astralleib, aber auch über praktische Fragen der Pädagogik, Architektur, Medizin, Landwirtschaft, Wirtschaft und Politik verkündete, hat Früchte getragen, vom biologisch-dynamischen Demeter-Apfel bis hin zu den Waldorf-Schulen.Während das Imperium der Anthroposophie immer noch wächst, blieb Steiners "Geheimwissenschaft" ein Geheimtipp für Auserwählte. Man muss nicht an sein rassistisches Geraune von arischen "Wurzelrassen", zurückgebliebenen Schwarzen und Juden ("Das Judentum als solches hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens") erinnern, um zu begreifen: Der Menschheitsführer war auch nur ein Kind seiner Zeit. Steiner hat Einflüsse seiner Epoche und seines Bildungsgangs - Goethe, Nietzsche, Wagner, Ernst Haeckels Materialismus, Ideen der Lebensreform, Freimaurerei und Theosophie - aufgesogen und kreativ in sein System evolutionärer Metamorphosen eingebaut.

Wie so viele Sektengründer hat auch Steiner die Quellen, Bruchstellen und Widersprüche seiner "inneren Erkenntnis" gern vertuscht und seine ziemlich krumme intellektuelle Biografie im Nachhinein zurechtgebogen. Immerhin aber hat er sich aber auch ständig weiterentwickelt: Vom objektiven Idealisten zum Materialisten, vom trockenen Philologen zum Berliner Bohemien, vom Anarchisten zum Okkultisten, vom nietzscheanischen Gottesleugner zum mystischen Christologen, vom großdeutschen Nationalisten zum Hellseher, vom Sohn eines kleinen Bahnbeamten zum Star großbürgerlicher Sinnsucher und "Astral-Marx" der 68er. Dass die heiße Lava seines Gedankenstroms nach seinem Tod 1925 abrupt in orthodoxen "Versteinerungen" erstarrte, ist nicht seine Schuld.

Wahr ist freilich auch, dass Steiner wenig auf die "Afterurteile oft ganz inferiorer Menschen" gab. So fertigte er schon als Theaterkritiker abweichende Meinungen von oben herab als "rührende Ahnungslosigkeit" und "grenzenlosen Unverstand" ab. Auch die drei neuen Steiner-Biografien hätten, wenn man die wütenden Reaktionen seiner Erben recht deutet, kaum seinen Beifall gefunden. Helmut Zander, der schon für seine Studie über "Anthroposophie in Deutschland" Morddrohungen erhielt, hat das Referenzwerk geschrieben: fakten- und kenntnisreich, fair und ausgewogen, nur in der Sprache manchmal ein wenig zu salopp. Zander beschreibt Steiner als faszinierenden Charismatiker, aber eben auch als Getriebenen. Die theosophische Bewegung war ein Haifischbecken, in dem rivalisierende Geheimbünde und starke, emanzipierte Frauen wie Madame Blavatsky oder Annie Besant um Macht und okkulte "Erkenntnis" kämpften.

Miriam Gebhardt bezeichnet Steiners Welterklärungsanspruch als "total, aber nicht totalitär". Die Biografie der Münchner Journalistin ist nicht ganz so wissenschaftlich profund wie die Zanders, aber dafür lesbarer und origineller. Für Gebhardt ist Steiner die "gekonnte Verkörperung eines modernen Gurus".

Die kürzeste und entbehrlichste Steiner-Biografie kommt von Heiner Ullrich: Säuberlich getrennt in Leben, Lehre und Rezeption, arbeitet er seinen Stoff weitgehend gedanken- und kritiklos ab. Er liefert zwar einen guten Abriss der Waldorf-Pädagogik, aber der historische Kontext bleibt unterbelichtet, die Figur blass.

Letzteres ist ein Manko aller Biografien und selbst vieler zeitgenössischer Augenzeugenberichte. Egal, ob sie sich ihm mit Ehrfurcht, Hohn oder kritischer Distanz nähern: Der Mensch Steiner bleibt merkwürdig ungreifbar und maskenhaft. Für Skeptiker war er nur ein falsch psalmodierender "Verkäufer" (Tucholsky) von Erlösungsangeboten. Selbst der Steiner-Verehrer Kafka zeigte sich nach einer Audienz enttäuscht: Der Meister hatte Schnupfen und bohrte leeren Blickes in der laufenden Nase.

Miriam Gebhardt: Rudolf Steiner. Ein moderner Prophet. DVA, 368 S., 22,99 Euro

Heiner Ullrich: Rudolf Steiner. Leben und Lehre. C.H.Beck, 266 S., 19,95 Euro

Helmut Zander: Rudolf Steiner. Piper, 536 S., 24,95 Euro