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Leitartikel
Der G20-Gipfel hat sich leider überlebt

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Immerhin: Donald Trump hat den G20-Gipfel in Argentinien nicht mit einer seiner berüchtigten Twitter-Äußerungen torpediert. So wie im Juni, als der US-Präsident die von ihm mitunterzeichnete Abschlusserklärung des G7-Gipfels in Kanada gleich wieder zu Makulatur erklärte und so die engsten Verbündeten zutiefst brüskierte. Von Stefan Vetter

Andererseits: Der einzige Vorzug des Abschlussdokuments der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer ist die Tatsache, dass es überhaupt zustande kam. Entsprechend wolkig ist es formuliert. Daher gibt es auch kaum etwas, wovon man sich distanzieren könnte. Der G20-Gipfel steht für zwei Drittel der Weltbevölkerung und drei Viertel des Welthandels. Aber kein Problem wurde wirklich gelöst. Kein Problem wurde ernsthaft angegangen. Es war ein Gipfel der Pannen und Enttäuschungen.


Klimawandel, wachsende Migration, internationaler Terror, Kriege im Jemen und in Syrien, eine drohende Eskalation des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine – es brennt an allen Ecken und Enden dieser Welt. Eine Situation, die eigentlich nach mehr internationalen politischen Normen schreit. Doch die Einigkeit in Buenos Aires reichte kaum über die Trauer um den verstorbenen US-Präsidenten George Bush Senior hinaus. Dafür bestimmen nationalstaatliche Egoismen immer stärker das Geschehen. Trump macht es mit seiner „America-first“-Politik vor, andere ziehen nach. Wozu braucht es solche Gipfel noch, wenn der amtierende US-Präsident ein Schlüsselthema, nämlich den Handelsstreit mit China, erst gar nicht im Rahmen dieses Formats bespricht, sondern nach dem Gipfel? Immerhin geht es um eine Auseinandersetzung, die das weltweite Wirtschaftswachstum auszubremsen droht. Und was sind eigentlich noch Menschenrechte wert, wenn der saudische Kronprinz auf dem Gipfeltreffen geradezu hofiert wird, obwohl er als Drahtzieher des Mordes an dem Journalisten Jamal Khashoggi gilt?

Die unfreiwillige Verspätung von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Gipfel-Teilnahme steht gewissermaßen symbolisch dafür, was gegenwärtig alles schief läuft in der Welt. Und auch Europa ist eben längst kein Fels in der Brandung mehr. Man denke nur an den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, den engsten Verbündeten der Kanzlerin, der daheim mit seiner Reformpolitik auf wachsende Empörung stößt und deshalb geschwächt ist.



Bleibt der Versuch von Angela Merkel, Russland und die Ukraine wieder zu einem intensiven Dialog zu bewegen. Ob daraus etwas wird und die Spannungen am Ende abgebaut werden können, steht auf einem anderen Blatt. Auch dafür hätte die Kanzlerin ihre Odyssee nach Buenos Aires allerdings nicht antreten müssen. Das geht auch über andere Gesprächskanäle. Ohnehin standen in der argentinischen Hauptstadt ja die bilateralen Begegnungen im Mittelpunkt.

Der G20-Gipfel als Forum zur internationalen Konfliktbewältigung hat sich jedenfalls gründlich überlebt. Die Welt ist im Umbruch. Und das nicht eben zum Guten.