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Der Führer als "Ich-Ideal"

"In der Pyramide der Verantwortung stellt sich das dann so dar, dass der 'Führer' durch den politischen Druck von außen zu seinen Entscheidungen gezwungen war. Das löste eine Befehlskette aus, der sich niemand zu entziehen vermochte; allenthalben herrschte - so vernimmt man es in der retrospektiven Selbstrechtfertigung - ein alles entschuldender Befehlsnotstand

"In der Pyramide der Verantwortung stellt sich das dann so dar, dass der 'Führer' durch den politischen Druck von außen zu seinen Entscheidungen gezwungen war. Das löste eine Befehlskette aus, der sich niemand zu entziehen vermochte; allenthalben herrschte - so vernimmt man es in der retrospektiven Selbstrechtfertigung - ein alles entschuldender Befehlsnotstand. Bei diesen Versuchen, Schuld abzuschütteln, wird bemerkenswert wenig der Opfer gedacht - gleichgültig, ob es sich um die eigenen oder um die der Gegenseite handelt."Er gilt als der bedeutendste Psychoanalytiker und Publizist der Nachkriegszeit. Er wandte die psychoanalytischen Methoden auf die Gesellschaft an, legte quasi die ganze deutsche Nation auf die Couch. Die 1967 publizierte, zusammen mit seiner Frau verfasste Gesellschaftskritik, ging der kollektiven deutschen Verdrängung des Naziterrors auf den Grund und wurde von vielen Anhängern der 68er mit Begeisterung aufgenommen. Der 'Führer', so die Autoren, habe für die meisten Deutschen die Funktion des 'Ich-Ideals' gehabt, ihm waren sie bis in den Tod ergeben; nach dem verlorenen Krieg hätten die Deutschen dann ins Wirtschaftwunder hineingelebt, als hätte es die NS-Zeit nie gegeben. Diagnose: kollektive Verdrängung. Forderung: Bewältigung der Vergangenheit durch Reflexion. Das Buch wurde in fast alle Weltsprachen übersetzt und machte das Autorenpaar im In- und Ausland bekannt.arg