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Der englische Patient

Meinung. Großbritannien ist ein großartiges Land. Jeder Deutsche, der sich an der Queen und Prinz Charles ergötzt, der Burberry und die Beatles liebt und sich über schräge Charaktere wie Max Mosley und Mr. Bean amüsiert, hat ein Faible für das alte Empire. Umso verwunderter blickt man jetzt auf die Insel, wo Merkwürdiges passiert und selbst den Engländern der typisch schwarze Humor im Halse stecken bleibt Von Bernard Bernarding

Großbritannien ist ein großartiges Land. Jeder Deutsche, der sich an der Queen und Prinz Charles ergötzt, der Burberry und die Beatles liebt und sich über schräge Charaktere wie Max Mosley und Mr. Bean amüsiert, hat ein Faible für das alte Empire. Umso verwunderter blickt man jetzt auf die Insel, wo Merkwürdiges passiert und selbst den Engländern der typisch schwarze Humor im Halse stecken bleibt.Der Spesen-Skandal im Unterhaus erschüttert das Land in seinem Innersten. Durch den Diebstahl einer CD kam ans Licht, dass sich zahlreiche Parlamentarier, "Volksvertreter" also, dreist und schamlos beim Volke bedient haben. Manche wähnten sich offenbar im Schlaraffenland, als sie ihre Zweitwohnungen, Swimmingpools und Gärten mit Steuergeldern renovieren ließen und sich nicht mal scheuten, dem Staat das Auswechseln von Glühbirnen oder gar das Ausleihen von Pornofilmen in Rechnung zu stellen.Nun ist es keineswegs außergewöhnlich, wenn Abgeordnete, die dem Staat eigentlich "dienen" sollen, ihre Macht und ihren privilegierten Status missbrauchen. Dieses Phänomen ist globaler Natur und nicht auf Politiker und Manager begrenzt. Offenbar tendiert das menschliche Wesen immerfort dazu, seinen eigenen Vorteil zu suchen. Die spannende Frage ist, warum sich solcherart Fehltritte trotz aller Gesetze, Regeln und Richtlinien unaufhörlich wiederholen und es auch in scheinbar lupenreinen Demokratien stets zu neuen Affären und Skandalen kommt.Die Antwort ist relativ simpel: Es fehlt an Transparenz und Kontrolle. Mit dem Hinweis auf Amts-, Betriebs- oder gar Staatsgeheimnisse, Sicherheitsbelange, Persönlichkeitsrechte und Datenschutzbestimmungen wird verschleiert, was zu verschleiern ist. Deshalb muss genau an dieser Stelle der Reinigungsprozess beginnen, und zwar überall, nicht nur beim englischen Patienten.Die Folgen des britischen Spesen-Skandals sind dramatisch: Das Vertrauen in die politische Klasse und staatliche Institutionen, ohnehin erschüttert durch die Finanzkrise (die neben New York vor allem am Finanzplatz London ihren Ursprung nahm), wird weiter zerstört. Extremisten reiben sich die Hände. Und die Labour-Partei, jahrzehntelang die dominierende Kraft auf der Insel, steht vor einem Scherbenhaufen, zumal sich Premierminister Gordon Brown als Ritter von der traurigen Gestalt entpuppt hat, dem schier nichts gelingen will. Auch bei den Wahlen zum Europaparlament droht ein Desaster. Großbritannien, das von der globalen Krise besonders schwer getroffen ist, steht vor einer ungewissen Zukunft. God save the Queen.