Der die Weltgrenzen sprengte

Der die Weltgrenzen sprengte

Mannheim. Er war 21 Jahre alt und ließ seine 35 000 Soldaten elf Jahre lang marschieren, 30 000 Kilometer weit. Bis nach Nordindien, über die Grenzen der damals bekannten Völker hinaus: eine Welteroberung als Welterkundung. Der junge Feldherr kam aus einem nicht-demokratischen und als wenig vornehm geltenden Kleinstaat in Griechenland, aus Makedonien

Mannheim. Er war 21 Jahre alt und ließ seine 35 000 Soldaten elf Jahre lang marschieren, 30 000 Kilometer weit. Bis nach Nordindien, über die Grenzen der damals bekannten Völker hinaus: eine Welteroberung als Welterkundung. Der junge Feldherr kam aus einem nicht-demokratischen und als wenig vornehm geltenden Kleinstaat in Griechenland, aus Makedonien. Doch er entthronte den damals mächtigsten Mann seiner Zeit: Dareios III., König der Perser. War Alexander (356 bis 323 v. Chr.) ein Gewaltmensch, der den Gordischen Knoten zur Weltmacht nicht clever löste, sondern durchschlug? So schildern ihn kritische Geschichtsschreiber, etwa Seneca. Nun, er trug angeblich die Ilias bei sich und plauderte mit dem Philosophen in der Tonne, Diogenes - Alexanders Erzieher hieß Aristoteles. Er selbst ließ sich als grimmig blickender, löwenmähniger Mann porträtieren, von nur drei Künstlern. So behielt man damals die Bildhoheit.

Wie ein "Popstar", meint Regisseur Oliver Stone. Wir hören seine und andere Stimmen aus dem Off, während wir im ersten Raum des Museums der Weltkulturen die Büsten- und Münzenreihen abschreiten, um über Jahrhunderte tradiertes Ideal und historische Wahrheit zu trennen. Doch der Alexander-Darsteller aus Stones Film von 2004 - Colin Farell - taucht nicht auf: Der "Mythos Alexander" wird in Mannheim nur halbherzig verfolgt. Deshalb fällt auch das Schluss-Kapitel "Nachwirken", etwa im mittelalterlichen Alexanderroman (1320), problematisch aus: viel zu knapp.

Im Prinzip gibt der Untertitel "Asiens Kulturen im Wandel" die Richtung vor. Die Biografie Alexanders spielt eine untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt steht das, was sein legendärer Feldzug bewirkte: die Sprengung der Geographie, die Verbreitung des Hellenismus bis ins heutige Pakistan, zugleich die Verschmelzung der abendländischen mit der orientalischen, ja sogar mit der buddhistischen Kultur.

Mehr als die Hälfte der Schau machen sensationelle Funde aus archäologisch bislang kaum erforschten Gebieten Zentralasiens aus, insbesondere aus Usbekistan oder Tadschikistan. Der Besucher lernt die Kuschanfürsten kennen, deren Multi-Kulti-Handeslstadt Begram (Afghanistan), die Regionen Gandhara und Baktrien. Und irgendwie fühlt er sich in den farblich und architektonisch abwechslungsreich gestalteten Räumen wie auf einer abenteuerlichen Fernreise-Tour. Verstärkt wird der Eindruck durch Computer-Animationen, unter anderem aus der von Alexander errichteten Festung Kurgansol (Usbekistan). Wir erleben beim Computer-Flug über das alte Babylon Alexanders triumphalen Einzug von 331 mit. Eine großartige Station, die nicht nur die blau-gelb schimmernde Schönheit der gigantomanischen Stadt-Architektur in Szene setzt, sondern auch die Faszination Alexanders von dieser Metropole, in der er im Alter von 32 starb, nachvollziehbar macht. Wie überhaupt das Kapitel über den "Feind" Persien besonders beeindruckt. Das glasierte Original-Ziegelrelief eines Bogenschützen dokumentiert die stilvolle Pracht der Mode am persischen Hof, filigrane Hirsch-Gefäßgriffe und Trinkhörner den phänomenalen kunsthandwerklichen Leistungsstandard. Diese Hochkultur wurde nicht nur zur materiellen Schatztruhe für den Eroberer. Alexander übernahm das Hofzeremoniell, also auch die für Griechen provozierende Pflicht der Kniefall-Unterwerfungsgeste.

400 Einzelstücke

Was ließe sich nicht noch alles hervorheben? Dass jedes der 400 Einzelstücke glänzend genau erklärt wird, dadurch ein Rundgang unter zwei Stunden unrealistisch ist. Vor allem der erste Teil bietet viel Kurzweil. Etwa der riesige Stationen-Weg, der Alexanders Feldzug geographisch nachvollzieht. Neun Meter (!) Länge heißt es abzuschreiten - so wird die übermenschliche Dimension dieser Kriegsunternehmung deutlich. Auch eine sechs Meter lange Stoßlanze kann man anheben. Kurz: Die Schau vermeidet Vitrinen-Einerlei, bemüht sich um Lebendigkeit. Dass sie nicht ganz beim Weltklasse-Niveau der Vorgänger-Schau "Homer" (2008) landet, ist kein Beinbruch.

Alexander der Große und die Öffnung der welt. Asiens Kulturen im Wandel; bis 21.Feburaur 2010; Museum der Weltkulturen. D5, Di-So 11 bis 18 Uhr; Tel. (0621) 293 3150; www. alexander-der-große.de