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Der alte Helden-Mythos trägt nicht mehr

Johannesburg. Erstmals seit Ende des rassistischen Apartheid-Regimes in Südafrika droht der Regierungspartei ANC heute ein empfindlicher Dämpfer. Nach diversen Skandalen um Präsident Jacob Zuma hat der Afrikanische Nationalkongress vor den Kommunalwahlen Grund zur Sorge. Viele Wähler sind unzufrieden, weil Armut und Arbeitslosigkeit seit Jahren kaum zurückgehen. Jetzt könnte die einst stolze Partei von Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela vor Niederlagen in mehreren Großstädten stehen - inklusive der Hauptstadt Pretoria. Für Zuma steht viel auf dem Spiel. Nach einem schlechten Wahlergebnis dürften die Rufe nach Rücktritt lauter werden. dpa-Mitarbeiter Jürgen Bätz

Erstmals seit Ende des rassistischen Apartheid-Regimes in Südafrika droht der Regierungspartei ANC heute ein empfindlicher Dämpfer. Nach diversen Skandalen um Präsident Jacob Zuma hat der Afrikanische Nationalkongress vor den Kommunalwahlen Grund zur Sorge. Viele Wähler sind unzufrieden, weil Armut und Arbeitslosigkeit seit Jahren kaum zurückgehen. Jetzt könnte die einst stolze Partei von Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela vor Niederlagen in mehreren Großstädten stehen - inklusive der Hauptstadt Pretoria. Für Zuma steht viel auf dem Spiel. Nach einem schlechten Wahlergebnis dürften die Rufe nach Rücktritt lauter werden.


Bis vor wenigen Jahren war der ANC als Befreier der schwarzen Bevölkerungsmehrheit fast heilig. Noch bei den landesweiten Wahlen vor zwei Jahren erreichte die Partei 62 Prozent. Doch gut 20 Jahre nach dem Ende des weißen Minderheitsregimes verblasst der Helden-Mythos, die Menschen wollen Ergebnisse sehen. Die offizielle Arbeitslosenrate stieg zuletzt auf knapp 27 Prozent, die fortschrittlichste Wirtschaft des Kontinents stagniert. Anhaltende Stromausfälle und politisches Missmanagement verschrecken Investoren.

Noch immer gehört Südafrika zu den Ländern mit der ungleichsten Vermögensverteilung weltweit: Die weiße Minderheit und neureiche Schwarze sind wohlhabend, doch Millionen Schwarze leben noch immer in Armenvierteln. Dort gibt es nun häufiger Proteste gegen den ANC, etwa weil die Versorgung mit Wasser und Strom zusammenbricht. Dabei entlädt sich der Frust auch in Gewalt: Öffentliche Gebäude werden in Brand gesteckt, Barrikaden aus brennenden Reifen oder Autos errichtet. Beobachter fürchten, Niederlagen des ANC könnten in weitere Ausschreitungen münden.



Die führende Oppositionspartei, die Demokratische Allianz (DA), galt für Schwarze lange als unwählbar. Es hätte als Verrat an den Befreiungskämpfern gegolten. Doch das ändert sich: Zum einen hat gerade die schwarze Mittelklasse genug von Zumas Regierung. Zum anderen wird die einst "weiße" DA inzwischen von einem Schwarzen geführt, Mmusi Maimane. Bislang regiert die Partei in Kapstadt und der Provinz Westkap, doch nun hat sie aus Sicht von Experten auch Chancen in den Städten Pretoria und Port Elizabeth. Selbst in der Wirtschaftsmetropole Johannesburg scheint ein ANC-Sieg nicht mehr in Stein gemeißelt.

"Wir wissen, dass Südafrikaner echte Lösungen für ihre Probleme wollen, nicht Geschichten aus alter Zeit", sagte Maimane kürzlich bei einer Veranstaltung in Johannesburg . "Wir versprechen den Wählern Jobs, Dienstleistungen und keine Korruption." Auch die zweitwichtigste Oppositionspartei, die linkspopulistischen Ökonomischen Freiheitskämpfer, buhlt erfolgreich um Stimmen. Eine Koalition mit der DA gegen den gemeinsamen Feind ANC scheint in einigen Städten nicht ausgeschlossen.

Zumas Lächeln strahlt zwar überall von den Wahlplakaten, doch Skandale und Korruptionsvorwürfe haben sein Ansehen ramponiert. Unlängst bescheinigte ihm sogar das Verfassungsgericht, dass er sich über Recht und Gesetz hinwegsetzte: Zuma ließ sein privates Domizil auf Staatskosten renovieren, zum Preis von etwa 100 Eigenheimen in Johannesburg . Lange weigerte er sich, zumindest einen Teil der Kosten zu übernehmen, bis ihm das oberste Gericht auf die Finger klopfte. Nun muss der Präsident den Zorn der Wähler fürchten.