Den Mythos brechen

Den Mythos brechen

Ab dem Januar 2016 darf Adolf Hitlers ideologische Programmschrift „Mein Kampf“ publiziert und beworben werden. Mit einer kritischen Edition will der Historiker Christian Hartmann das Buch entmystifizieren.

"Mein Kampf" von Adolf Hitler ist ein Bestseller. Brautleute bekamen es in der Nazizeit auf Staatskosten geschenkt. Als das "Dritte Reich" 1945 in Trümmern lag, gab es insgesamt 1000 Auflagen mit zwölf Millionen Exemplaren. Bis heute ist das Buch in Deutschland nicht verboten, aber es darf nicht nachgedruckt werden, da die Rechte beim Freistaat Bayern liegen. Bis Ende 2015. Dann sind 70 Jahre seit dem Tod des Urhebers vergangen und der Text aus den 20er-Jahren, der unter anderem die Ermordung der Juden und die Kriegsexpansion propagiert und vorwegnimmt, darf publiziert und anders als heute auch beworben werden. "Das wird auch geschehen, denn die Herausgabe von ‚Mein Kampf' ist ein gezielter Tabubruch, mit dem mit Sicherheit Menschen Geld verdienen wollen”, sagt Christian Hartmann. Der renommierte Historiker will selber "Mein Kampf” in neuer Form herausbringen.

Hartmann leitet am Münchner Institut für Zeitgeschichte ein Projekt, bei dem sechs Wissenschaftler eine kommentierte Neuausgabe bis 2016 schaffen wollen. Dabei sollen die ideologischen Quellen offengelegt werden, auf die sich Hitler stützt - etwa wird nachgewiesen, dass die antisemitische Schrift "Protokolle der Weisen von Zion", eine Fälschung des russischen Geheimdienstes, von Hitler begeistert aufgenommen wurde und er sich häufig darauf bezieht. Seine Aussagen sollen auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft, das von ihm formulierte Gedankengebäude analysiert werden.

Kurz gesagt: die Autoren nehmen Hitlers zentralen Text ernst und wollen ihn mit wissenschaftlichen Mitteln entzaubern - im Gegensatz zu anderen populären Veröffentlichungen wie "Er ist wieder da" von Timur Vermes, die Hitler versuchen lächerlich zu machen. Von Überlegungen, Neuausgaben ab 2016 mit rechtlichen Mitteln zu verhindern, hält Hartmann nichts: "Über das Internet wird ‚Mein Kampf' doch sowieso schon verbreitet und dagegen gibt es keine rechtliche Handhabe. Es wäre besser gewesen, man hätte schon viel früher eine kritische Ausgabe in Angriff genommen, denn so umgibt den Text bis heute etwas mystisches.”

Wer sich mit "Mein Kampf” auseinander setzen will, der wird einen langen Atem brauchen. Durch Kommentierungen und Fußnoten wird das 800 Seiten umfassende Original wohl doppelt so dick werden. Dafür bekommt der Leser nicht nur einen Einblick in Hitlers politisches Verständnis, sondern es wird auch herausgearbeitet, welche erzieherischen Vorstellungen er hatte, auf welche Rolle er die Frau reduzierte oder wie der Sport zur Schaffung eines "neuen Menschen” eingesetzt werden sollte.

"Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben”, fordert Hitler und kritisiert so die seiner Meinung nach lasche Praxis des Ersten Weltkrieges, in dem 100 Deserteure erschossen wurden. Im Zweiten Weltkrieg waren es über 40 000. "Der Text ist eine Handlungsanleitung, das sollte man nicht vergessen", so Hartmann. Schließlich wird es auch darum gehen, welche Bedeutung "Mein Kampf” überhaupt hatte. Da sind sich die Experten nicht einig. Der österreichische Historiker Othmar Plockinger etwa ist überzeugt, dass es stärker gelesen wurde, als oft behauptet. Hartmann ist anderer Meinung: "Insgesamt dürfte der Band für die meisten Besitzer zu dick gewesen sein. Das war ein Bestseller, der in den Regalen verstaubte.”

Deutschlandradio Kultur sendet am kommenden Mittwoch, 19.30 Uhr, einen Beitrag über die Debatte um die Neuedition von "Mein Kampf”.