Das Theater Überzwerg in Saarbrücken wird 40 Jahre alt

Jubiläum : Gründer sind stolz auf ihr prächtiges „Kind“

Vier Saarbrücker Schauspieler gingen vor Jahrzehnten neue Wege, um anderes Theater für Kinder zu machen. Und mit Tabus zu brechen.

Vor 40 Jahren gründeten die Schauspielerinnen Ingrid Braun und Alice Hoffmann mit Peter Tiefenbrunner und dem jüngst verstorbenen Jochen Senf das Theater Überzwerg. Für die Saarbrücker Zeitung haben sich die drei erinnert, wie alles anfing.

1977 lebte Ingrid Braun zusammen mit Jochen Senf in einer Wohngemeinschaft in Saarbrücken. Ob sie dort bei einem abendlichen Gespräch am Küchentisch auf die Idee kamen, ein Kinder- und Jugendtheater zu gründen?

So ganz genau erinnert sich keiner mehr an den ausschlaggebenden Moment. Fest steht für Ingrid Braun aber: „Alice Hoffmann hatte damals ein kleines Kind, Jochen und ich auch, und wir wollten, dass unsere Kinder mitbekommen, was ihre Eltern machen“.

Peter Tiefenbrunner wiederum sagt: „Für mich hat alles angefangen mit einem Gespräch mit Jochen Senf beim SR.“ Hoffmanns Erinnerungen gehen so: Als sie damals Mutter wurde, war ihr klar, dass sich das mit ihrer Arbeit am Landes- und Staatstheater nicht vereinbaren ließ. Nur zu Hause Windeln zu wechseln war aber auch nicht ihr Ding. „Da haben mich Ingrid und Peter auf die Idee gebracht, dass man außerhalb des institutionalisierten Theaters Theater machen kann, das war für mich eine revolutionäre Entdeckung.“

Auch für die Finanzierung ihres „freien Kinder und Jugendtheaters sog. 2“ hatten die Schauspieler gleich einen guten Plan: Sie gingen mit ihren Kindern im Schlepptau zur Stadtverwaltung und erreichten in mehreren Gesprächen, dass das Jugendamt sie über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen anstellte. Sie erhielten einen Büro- und einen Proberaum in der Jugendamtsetage im Juz Försterstraße, und dann ging es los. „Wir haben Farbe, Leinwände und alles Mögliche durchs Amt geschleppt und so ein bisschen für Unruhe gesorgt“, erinnert sich Braun.

Ariane Mnouchkines „Théâtre du Soleil“, das sie in Paris oft besuchten, war laut Hoffmann ein Theater-Vorbild wie die Berliner Ensembles „Grips“ und „Rote Grütze?“. Von dem übernahm die Truppe ihr erstes Stück „Was heißt hier Liebe?“ – ein Volltreffer. Der CDU-Kultusminister verbot wegen der offenen Worte über Sexualität dessen Aufführung in Schulen. „Dadurch wurden die Leute natürlich erst recht neugierig“, sagt Hoffmann.

„Wir haben genau das gemacht, was wir uns vorgestellt hatten, wir hatten die Freiheit dazu“, schwärmt Braun rückblickend. Dazu gehörte es auch eigene Stücke zu schreiben. „Für ,Krüppel aus dem Sack’ hatten wir ein Jahr Recherche, und ich habe praktisch alle Querschnittsgelähmten von Saarbrücken kennengelernt“, erzählt Hoffmann.

Bei „Zirkus Remmidemmi“ ließ die Truppe die Kinder mitspielen, weil die Artisten angeblich erkrankt waren. Damals exotisch, heute gibt es Zirkus-AGs in fast jeder Schule, sagt Braun. Anfangs fuhren die Schauspieler noch mit einem Lkw, den die Stadt zur Verfügung stellte, über Land, um mangels eigener Bühne in Jugendzentren und Schulen aufzutreten. Nach zwei Jahren, mit dem Kooperationsvertrag, etablierten sich die Überzwerge finanziell und bekamen im Stiefel-Gasthaus auch bald ihre erste feste Spielstätte.

Dort, erinnert sich Tiefenbrunner noch amüsiert, stand er als Kaiser einmal völlig nackt vor den versammelten Kindern. Ein Abschiedsstreich der Truppe, deren Gründer in den 80ern allmählich ausschieden, um sich neuen Projekten zu widmen, während Neue die Lücken füllten.

Neben Absolventen der damals noch existierenden Saarbrücker Schauspielschule auch Quereinsteiger. „Ich fand schon damals, dass Bob Ziegenbalg und Detlef Krämer die geeigneten Nachfolger wären, ich habe Recht behalten“, erklärt Gründermutter Hoffmann.

Alice Hoffmann hat es in den Jahren nach der Überzwerg-Ära zu bundesweiter Bekanntheit gebracht und lebt mittlerweile in Mainz. Foto: Hoffmann/Privat
Ingrid Braun und Jochen Senf in „Was heißt hier Liebe?“

Auch Braun und Tiefenbrunner sind beeindruckt, wie sich die Überzwerge weiterentwickelt haben. Davon profitierten später auch Tiefenbrunners Kinder. „Die sind quasi mit dem Überzwerg großgeworden“, sagt der doppelte Vater.